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Vom "französischen" zum "slavonischen Abenteuer"
Der Wiener Glashändler Josef Lobmeyr machte in den 1830er Jahren auf seiner Frankreichreise in den "Cristalleries de St. Louis" Station. Dort stieß er auf die epochemachende Neuigkeit der Pressglaserzeugung. Nicht lange nach den amerikanischen Pionierarbeiten der 1820er Jahre war das neue Herstellungsverfahren bereits in Frankreich aufgetaucht. Die Muster der französischen Gläser weisen im Vergleich mit ihren amerikanischen Vorläufern und Konkurrenten eine verblüffende Ähnlichkeit auf. Der gekörnte "Sandkorn"-Hintergrund wird im Französischen als "Sableé" bezeichnet. In Frankreich waren es vor allem die Glashütten Baccarat und St. Louis, die die maschinengepressten Gläser in Europa bekannt und populär machten.

Wie Industriespionage und Technologie-Transfer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts funktionierte, beschreibt Ludwig Lobmeyr in seinen biographischen Aufzeichnungen recht anschaulich. Demnach hatte sein Vater Josef Lobmeyr in St. Louis bei der Produktion mit der Pressmaschine zugeschaut und versucht, "sich das im Geheimen aufzuzeichnen." Da der Pionier Lobmeyr sich jedoch auf absolutem Neuland befand, erwiesen sich seine Skizzen als unzureichend und die danach angefertigten Maschinen und Pressmodelle als untauglich. Also verschaffte er sich die notwendige Grundausrüstung direkt aus Frankreich und verwendete wie selbstverständlich französische Pressformen und Muster für die eigenen Produktionsversuche. Das Unterfangen, in einer Glashütte in Marienthal (Mirin Dol) bei Motitsina (Moticina) (Slavonien, Kroatien) eine Pressglasproduktion aufzubauen, scheiterte 1847 nach nur zehn Jahren. Das verwendete Glas erwies sich als zu hart und daher als nicht geeignet. Damit war das "slavonische Abenteuer" der Firma Lobmeyr zu Ende.

Die Pressgläser aus Frankreich, die Lobmeyr in die kaiserliche Sammlung einbrachte, waren jedoch keine Erinnerungsstücke, sondern gehörten zum Sortiment des Glashändlers, dessen französische Ware in Wien reißenden Absatz fand. Zumindest diese Stücke dürften mit einiger Sicherheit aus St. Louis stammen. Ein Kerzenleuchter (Abb. 11) und eine Kaffeeschale mit Untertasse (Abb. 12) zeigen die für Frankreich typischen neugotischen Motive. Die Suppenschale (Abb. 13) aus farblosem Glas ist ein Beispiel für "Technik-Wanderung" im französisch-belgischen Raum. Denn farbige Vergleichsstücke sind sowohl für St. Louis in Frankreich als auch für die Glashütten Namur und Val Saint-Lambert in Belgien nachgewiesen. Der schwarze Bilderrahmen (Abb. 14) gehört zu den wenigen farbigen Pressglasstücken unserer Sammlung.

Der gepresste Stockknopf (Abb. 15) kam gemeinsam mit einem geschliffenen Gegenstück als "Paar" in die Sammlung. Möglicherweise stammen die beiden aus Lobmeyrs Musterkollektion und sollten dem Kunden in einem direkten Vergleich die Vorzüge bzw. Nachteile der beiden Techniken demonstrieren. Das Medaillon (Abb. 16) ist ein interessantes Beispiel dafür, dass nicht nur Alltags- und Gebrauchsgegenstände in der neuen Technik hergestellt wurden, sondern dass auch "gepresste Kunst" erzeugt wurde. Das Medaillon entstand nach Raffaels Gemälde "Madonna della Sedia" aus dem Jahr 1513, das sich heute im Palazzo Pitti in Florenz befindet.

 
Abb. 11
Tafelleuchter
farblos, gepresst
Frankreich, vor 1837
Abb. 12
Kaffeeschale mit Untertasse
farblos, gepresst
Frankreich, vor 1837
Abb. 13
Suppenschale
farblos, gepresst
Frankreich, vor 1837
Abb. 14
Bilderrahmen
schwarz, gepresst
Frankreich, vor 1837
Abb. 15
Stockknopf
farblos, gepresst
Frankreich, vor 1838
Abb. 16
Medaillon
farblos, gepresst
Frankreich, vor 1837

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