Rösselstuhl für Tuchmacher, um 1780

Bild
 © Technisches Museum Wien, Foto: Peter Sedlaczek
Sammlungsbereich
Produktionstechnik
Sammlungsgruppe
Textilien und Bekleidung
Ausstellung
IN ARBEIT
Epoche
vor 1800
Manches Möbel ist dem Wandel der Arbeit seit der Industrialisierung zum Opfer gefallen, wie das Stehpult zum Schreiben und Rechnen oder der Rösselstuhl für gewerbliche Verrichtungen.

Der Name „Rössel“ stammt daher, dass der Arbeitende rittlings auf diesem Stuhl Platz nahm. Viele Bilder vom späten Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert überliefern Gestalt und Gebrauch des Rösselstuhls. Seine Länge variierte, und bisweilen ähnelte er einer Sitzbank. Die vier Beine sind meistens leicht schräg nach außen gestellt, um dem Arbeitenden sicheren Halt zu gewähren. Falls ein Bein einknickte oder brach, blieb die Position des Arbeitenden durch den Reitsitz stabil. So fiel ihm auch leichter, seine Schenkel- und unteren Rückenmuskeln zum Arbeiten einzusetzen. Manchmal war das Sitzbrett tailliert, damit es nicht in die Innenseite der Schenkel oder der Kniekehlen einschnitt.

Die Arbeit auf dem Rösselstuhl geschah oft mittels einer Vorrichtung: Mit der Karde wurde die Schafwolle gereinigt, mit der Hechel der Flachs zum Spinnen vorbereitet. Der Pergamenterzeuger schabte, der Kürschner schnitt das Leder, der Zimmermann spannte die Zugsäge ein und schärfte ihre Zähne. Das Werkstück wurde meist mit Hhilfe eines Fußhebels eingeklemmt, um es sicherer bearbeiten zu können. So glätteten Fassbinder das Daubenholz und Schachtelmacher ihre Brettchen mit dem Reifeisen. Weitere Bilder dokumentieren, dass auch auf leeren Bänken rittlings sitzend gearbeitet wurde: Harnischmacher und Grobschmiede bearbeiteten ihre Brustpanzer und andere Werkstücke mit dem Hammer, zwei Personen zupften, einander zugewandt, Wolle aus einem Korb, der zwischen ihnen stand. So ließ sich auch trefflich kommunizieren.

Im 19. Jahrhundert wechselten Generationen Arbeitender vom Werkzeug an die Maschine und damit von der sitzenden in eine stehende Position. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wuchs die Zahl der Angestellten und im Büro Tätigen. Sie nahmen auf Sesseln an Tischen Platz. Rittlings saß nur mehr die Kavallerie.


Herstellungszeit: um 1780

Inv.Nr. 12424/1

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