Mi 30. August 2023
Die Energiewende als Systemwandel wird auch von anderen gesellschaftlichen Strukturen wie dem Patriarchat und dem Kapitalismus beeinflusst. Frauen* und andere marginalisierte Gruppen haben oft ein Umweltverhalten, das von der angenommenen Norm (die stark von männlichen Erfahrungen geprägt ist) abweicht, und sind in unterschiedlichem Ausmaß und auf verschiedenen Ebenen vom Klimawandel betroffen. Daher können nicht alle in gleichem Maße zur Umsetzung der Energiewende beitragen. 
Um das volle Ausmaß der Auswirkungen des Klimawandels und mögliche Gegenmaßnahmen zu verstehen, ist ein intersektionaler Ansatz notwendig. Dieser betrachtet das Zusammenspiel verschiedener Diskriminierungsformen wie Geschlecht, Klasse und Ethnizität und berücksichtigt, wie deren gegenseitige Bedingtheit zu neuen Formen der Benachteiligung führt.

Eine Frage der Teilhabe
Frauen* treten vor allem seit der Etablierung des Ökofeminismus in den 1970er-Jahren als Schlüsselakteur_innen in Klima- und Energiediskursen auf. Schon früh bildet ein zentraler Kritikpunkt an das Anthropozän, also das Zeitalter des Menschen, dessen Verständnis von Kultur und Natur als gegensätzliche Phänomene. Der steigende Energiehunger seit der Industrialisierung wird legitimiert durch die Vorstellung der Umwelt als etwas, das außerhalb des Menschen liegt und an dem man sich in ausbeuterischem Maße bedienen kann.

Führende Klimaforscher_innen und Aktivist_innen wie Vandana Shiva oder Wangari Maathai betonten schon vor über 40 Jahren das wechselseitige Verhältnis zwischen Menschen und Umwelt und setzen sich seitdem mit verschiedenen regionalen Bildungs- oder Protestbewegungen für den Erhalt von Biodiversität als Grundvoraussetzung für ein gesundes (Zusammen-)leben von Mensch, Tier und Pflanze ein. In den letzten Jahren haben die Aktionen von Greta Thunberg eine große Anzahl junger Menschen motiviert, auf die Straßen zu gehen. Daraus entstand mit Fridays for Future eine globale Schüler_innenbewegung, durch deren konsequenten Einsatz Klimafragen an neuer Aktualität in Politik und Alltag gewonnen haben.

Ein Meilenstein des kritischen Klimadiskurses stellt der „Earth Summit“ in Rio de Janeiro 1992 dar. Diese Konferenz hat erstmals Regierungen mit Aktivist_innen zusammengeführt. Dadurch haben zahlreiche Vertreter_innen des sogenannten globalen Südens eine Plattform bekommen, um eigene Interessen zu vertreten und gleichzeitig das (Energie-)konsumverhalten des globalen Nordens infrage zu stellen. Die Vorstellung der klimabewussten Industrieländer im Gegensatz zu den umweltverschmutzenden Ländern des globalen Südens lässt sich mit einem Vergleich zwischen nationalen und Pro-Kopf-Treibhausgasemissionen auch statistisch widerlegen. Obwohl Länder wie China auf nationaler Ebene einen sehr hohen CO2-Fußabdruck aufweisen, sind die Treibhausgasemissionen pro Kopf vergleichbar oder geringer als jene in Europa oder den USA. Welchen Einfluss Konsum und Lifestyle auf die Umwelt haben, wird noch deutlicher, wenn man die Emissionen unterschiedlicher soziodemografischer Gruppen vergleicht. 


Eröffnungszeremonie zwei indigener Vertreterinnen aus Brasilien und Chile für die Konferenz indigener Frauen am 23. Mai 1992. Die Konferenz fand in Vorbereitung für den Earth Summit in Rio de Janeiro 1992 statt: Eröffnungszeremonie zwei indigener Vertreterinnen aus Brasilien und Chile für die Konferenz indigener Frauen am 23. Mai 1992. Die Konferenz fand in Vorbereitung für den Earth Summit in Rio de Janeiro 1992 statt
Eröffnungszeremonie zwei indigener Vertreterinnen aus Brasilien und Chile für die Konferenz indigener Frauen am 23. Mai 1992. Die Konferenz fand in Vorbereitung für den Earth Summit in Rio de Janeiro 1992 statt
Muster verändern – Systeme sprengen
Es gibt eine Tendenz der Individualisierung, wenn es darum geht, Verantwortung für das Konsumverhalten zu übernehmen. Widmet man sich Fragen der Repräsentation und Verteilungsgerechtigkeit, erhält man einen Einblick darin, wer welchen Anteil am globalen CO2-Ausstoß hat und wem überhaupt grüne Ressourcen zur Verfügung stehen. Dabei wird deutlich, dass es beim Thema Konsum um die Veränderung von (u. a. geschlechtsspezifischen) Mustern geht und nicht darum, die Wahlmöglichkeiten einzelner Personen anzupassen. Wenn also zum Beispiel Suffizienz als Strategie für einen klimaschonenden Lebensstil thematisiert wird, müssen Ausmaß und Umsetzbarkeit immer im Kontext der sozioökonomischen und-ökologischen Handlungsfähigkeit beurteilt werden. Suffizienz bedeutet, Ressourcen in einem umweltfreundlichen Ausmaß zu nutzen. Das kann jedoch nicht verallgemeinert werden und sieht bei jedem Menschen anders aus: Auf den Wäschetrockner zu verzichten und Kleidung nur lufttrocknen zu lassen, ist zum Beispiel eine gute Möglichkeit, Energie zu sparen. Personen, die Erziehungs- und Pflegearbeit nachgehen, in Österreich immer noch hauptsächlich Frauen*, sind hier allerdings nicht so flexibel.

Eine Studie der karitativen Organisation Oxfam prognostiziert, dass die reichsten 1 % der Weltbevölkerung 2030 einen Pro-Kopf-Emissionsfußabdruck haben, der 16-mal höher ist als der globale Durchschnitt. Genauer betrachtet werden die reichsten 10 % für fast die Hälfte der Lifestyle-Konsum-Emissionen verantwortlich sein, während die ärmsten 50 % der Weltbevölkerung nur 10 % verursachen. Superyachten und Privatjets haben daran den größten Anteil und auch in der EU werden trotz der kurzen Distanzen die meisten Emissionen der Superreichen durch den Flugverkehr verursacht.

 
Demonstration am 24. Mai 2023 in München gegen die Kriminalisierung der aktivistischen Gruppe „Die letzte Generation“. Sie führen ein Banner mit der Aufschrift „Klimakampf ist Klassenkampf“ mit sich: Demonstration am 24. Mai 2023 in München gegen die Kriminalisierung der aktivistischen Gruppe „Die letzte Generation“. Sie führen ein Banner mit der Aufschrift „Klimakampf ist Klassenkampf“ mit sich
Demonstration am 24. Mai 2023 in München gegen die Kriminalisierung der aktivistischen Gruppe „Die letzte Generation“. Sie führen ein Banner mit der Aufschrift „Klimakampf ist Klassenkampf“ mit sich
Armut bekämpfen
Energiearmut beschreibt Personen, die von Armutsgefährdung betroffen sind und mit einem überdurchschnittlich hohen Anteil ihres Einkommens ihre Energiekosten decken müssen. Unbezahlte Care-Arbeit und der damit verbundene hohe Anteil von Frauen* in Teilzeitbeschäftigungen – mit der Konsequenz von hoher Altersarmut bei Pensionistinnen* – führt dazu, dass energiearme Haushalte deutlich häufiger von Frauen* geführt werden. Care-Arbeit umfasst jene Tätigkeiten, die für den Erhalt der (kapitalistischen) Gesellschaft notwendig sind und dennoch oft im Hintergrund laufen. Dazu gehört unter anderem Kinderbetreuung, Pflege sowie allgemeine Tätigkeiten im Haushalt wie Einkaufen, Kochen und Putzen. Care-Arbeit kann daher sowohl bezahlt als auch unbezahlt sein.
 
Der hohe Frauen*anteil in diesen Bereichen hat noch weitere Auswirkungen auf den Energiekonsum und -bedarf: Den größten Betrag an den Energiekosten macht Heizen aus und obwohl Frauen* in Europa einen geringeren Gesamtenergiekonsum haben als Männer, weisen sie einen höheren Energiebedarf beim Wohnen auf. Auf der anderen Seite haben Frauen* einen geringeren CO2-Ausstoß, wenn es um Mobilität geht, da sie seltener mit PKWs und häufiger mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren. Ein Haushalt mit Kindern oder älteren Bewohner_innen ist stärker an den Wohnort gebunden. Diese Personengruppen sind weniger mobil, haben weniger Kapital zur Verfügung und sind daher auch weniger flexibel in der Implementierung von suffizientem Energieverhalten oder effizienterer Technik. Allgemeine energiepolitische Maßnahmen wie zuletzt der Klimabonus und der Strompreisdeckel in Österreich im Jahr 2022 nehmen auf diese Unterschiede keine Rücksicht. Eine Reduktion des Stromverbrauchs fällt einem im Berufsleben stehenden Paar wesentlich leichter, als wenn ein oder mehrere Angehörige gepflegt werden müssen.

 
2002 fand als Nachfolge des Earth Summit in Rio 1992, der „World Summit on Sustainable Development“ WSSD (dt. Gipfel für nachhaltige Entwicklung) in Johannesburg (Südafrika) statt. Das Foto zeigt drei „National Cleaners“ im Narsrec Exhibition Center, dem Hauptveranstaltungsort der am Summit beteiligten NGOs. Bezeichnenderweise wird die meiste Care-Arbeit wie Putzen nach wie vor von Frauen* übernommen: 2002 fand als Nachfolge des Earth Summit in Rio 1992, der „World Summit on Sustainable Development“ WSSD (dt. Gipfel für nachhaltige Entwicklung) in Johannesburg (Südafrika) statt. Das Foto zeigt drei „National Cleaners“ im Narsrec Exhibition Center, dem Hauptveranstaltungsort der am Summit beteiligten NGOs. Bezeichnenderweise wird die meiste Care-Arbeit wie Putzen nach wie vor von Frauen* übernommen
2002 fand als Nachfolge des Earth Summit in Rio 1992, der „World Summit on Sustainable Development“ WSSD (dt. Gipfel für nachhaltige Entwicklung) in Johannesburg (Südafrika) statt. Das Foto zeigt drei „National Cleaners“ im Narsrec Exhibition Center, dem Hauptveranstaltungsort der am Summit beteiligten NGOs. Bezeichnenderweise wird die meiste Care-Arbeit wie Putzen nach wie vor von Frauen* übernommen
Beziehungen erkennen
Die Bereitschaft zur Umsetzung der Energiewende hängt unmittelbar von den vorhandenen Infrastrukturen in der Nähe des Wohnorts ab sowie von der Fähigkeit, diese uneingeschränkt zu nutzen. Eine internationale Studie hat kürzlich einen Zusammenhang zwischen der Entfernung des Wohnortes von marginalisierten Gruppen und Anlagen der Abfallwirtschaft bzw. Anlagen, die Schadstoffe in Österreich emittieren, nachgewiesen. Migrant_innen und Menschen, die sich in Arbeitslosigkeit befinden oder keine Matura haben, gehören zu den Bevölkerungsgruppen, die vermehrt im Umkreis von 1 km um solche Einrichtungen wohnen. Dabei hat der Migrationshintergrund die größte Auswirkung und auch hier kann noch weiter differenziert werden: Von den Personen mit Migrationshintergrund, die in der unmittelbaren Nähe von Schadstoffanlagen leben, kommen die meisten aus den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens und der Türkei. Deutsche Staatsbürger_innen – eine der größten Einwanderungsgruppen in Österreich – sind von dieser Diskriminierung demnach nicht betroffen. In Wien kann dieser Effekt hingegen nicht beobachtet werden. Hier kann nur eine intersektionale Betrachtung die Verschränkung von Staatsbürgerschaft, Ethnie, Klasse und Bildungsstand analysieren und erklären, wie es zu der gesonderten Benachteiligung dieser Bevölkerungsgruppen kommt.

 
2023 sorgten Klimaaktivist_innen mit Klebeaktionen europaweit für Aufruhr. Die Protestierenden verursachten Verkehrsblockaden, indem sie ihre Hände an wichtigen Kreuzungen auf den Boden festklebten mit dem Ziel, auf den Klimanotstand aufmerksam zu machen. Das Bild des Handabdrucks im Asphalt steht im Kontrast zum viel diskutieren CO2-Fußabdruck – denn, es ist Zeit zu Handeln: 2023 sorgten Klimaaktivist_innen mit Klebeaktionen europaweit für Aufruhr. Die Protestierenden verursachten Verkehrsblockaden, indem sie ihre Hände an wichtigen Kreuzungen auf den Boden festklebten mit dem Ziel, auf den Klimanotstand aufmerksam zu machen. Das Bild des Handabdrucks im Asphalt steht im Kontrast zum viel diskutieren CO2-Fußabdruck – denn, es ist Zeit zu Handeln
2023 sorgten Klimaaktivist_innen mit Klebeaktionen europaweit für Aufruhr. Die Protestierenden verursachten Verkehrsblockaden, indem sie ihre Hände an wichtigen Kreuzungen auf den Boden festklebten mit dem Ziel, auf den Klimanotstand aufmerksam zu machen. Das Bild des Handabdrucks im Asphalt steht im Kontrast zum viel diskutieren CO2-Fußabdruck – denn, es ist Zeit zu Handeln
Eine klimagerechte Zukunft
Versetzen wir uns in das Jahr 2050, in eine Zukunft, die nicht nur klimaneutral, sondern klimagerecht ist: Welche Schritte, die wir jetzt einleiten (können), führen dazu, dass Umwelt und Biodiversität erhalten bleiben und Ressourcen gerecht verteilt werden? Eine Energiewende kann, wie in diesem Beitrag skizziert, nur gelingen, wenn Armutsbekämpfung und Gleichberechtigung alle Mitglieder der Gesellschaft emanzipieren. Eine große Arm-Reich-Schere und ein Konsumverhalten, das nur durch die Auslagerung der Produktion unter ausbeuterischen Bedingungen aufrechterhalten werden kann, schaden nicht nur unserer Gesellschaft, sondern auch unserem Klima. Energiepolitische Maßnahmen sind dann am erfolgreichsten, wenn sie unterschiedliche Bedürfnisse berücksichtigen, globale Zusammenhänge miteinbeziehen und Verantwortungen dementsprechend übernommen werden.
 
Pamela Heilig ist Mitarbeiterin des Technischen Museums Wien.
 
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