Wie prägen koloniale Infrastrukturen Landschaften bis in die Gegenwart? In der TMW-Webausstellung „Koloniale Infrastrukturen: Brasilien“ beleuchten Arbeiten und ein Interview mit der brasilianisch-argentinischen Künstlerin Júlia Pontés die verheerenden sozialen und ökologischen Folgen des massiven Rohstoffabbaus in Brasilien – und zeigen, wie eng diese Geschichte mit Europas Gegenwart verknüpft ist.
Koloniale Adern
Mi 10. Juni 2026
Colonial Veins: so lautet der Titel einer Fotoserie der brasilianisch-argentinischen Künstlerin Júlia Pontés. Die Luftaufnahmen zeigen Landschaften im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais. Beeindruckende Farbverläufe bestimmen die Fotografien und erinnern an die Ästhetik von Pinselstrichen. Was diese Bilder jedoch tatsächlich zeigen, ist die Verschmutzung von Flüssen und Land nach dem Dammbruch einer Megamine. Die Fotos machen die verheerenden Auswirkungen von Extraktivismus sichtbar – einem Wirtschaftsmodell, das auf der massiven Entnahme natürlicher Ressourcen für den Weltmarkt basiert, ohne Rücksicht auf lokale Regenerationsprozesse. Die Bilder machen darauf aufmerksam, wie der Extraktivismus das Land und seine zentralen Kreislaufsysteme aushöhlt und kontaminiert.

Beeindruckende Farbverläufe bestimmen die Fotografien der Serie „Colonial Veins“ und erinnern an die Ästhetik von Pinselstrichen
© Júlia Pontés

Was diese Bilder jedoch tatsächlich zeigen, ist, wie der Megaminenbergbau die Landschaft verändert und Verschmutzung von Flüssen und Land verursacht
© Júlia Pontés
Es kommt nicht von ungefähr, dass der Titel der Fotoserie an das bekannte Buch Las venas abiertas de América Latina (Die offenen Adern Lateinamerikas) des uruguayischen Autors Eduardo Galeano erinnert, das die Ausbeutung der Amerikas in den Fokus nimmt. In Brasilien ist Minas Gerais mit seinem Vorkommen an mineralischen Rohstoffen, von Diamanten bis hin zu Gold, seit dem 16. Jahrhundert einer der zentralen Schauplätze des Extraktivismus, da koloniale „Entdecker“ aus Portugal und anderen europäischen Regionen nach Möglichkeiten suchten, diese Mineralien aus der Landschaft zu extrahieren und andernorts profitabel zu verkaufen. Akteur:innen der Habsburgermonarchie nahmen besonders ab dem 19. Jahrhundert aktiv an diesen kolonialen Kartierungen teil. Auch über die bekannte Brasilien-Expedition (1817–1835) hinaus waren Österreicher:innen an anderen, weniger bekannten Expeditionen und Projekten mit kolonialen Interessen beteiligt, etwa an der Planung und dem Bau von Eisenbahninfrastrukturen, die für den Transport von agrarischen und mineralischen Rohstoffen notwendig waren.
Während die Infrastruktur der Dom-Pedro-II.-Eisenbahn, die den Ausgangspunkt der Forschungen des TMW-Brasilien-Teilprojekts „Koloniale Infrastrukturen“ bildete, ursprünglich für die Verfrachtung von Kaffee gebaut wurde, mit dem Ziel, verschiedene Kaffeeplantagen zu verbinden, diente sie später dazu, mineralische Rohstoffe vom Landesinneren zu den Häfen an der Atlantikküste zu transportieren. In Minas Gerais wurde der Abbau mineralischer Rohstoffe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts infolge technischer Entwicklungen in großem Maßstab vorangetrieben, ab den 1970er-Jahren stiegen die Exporte dramatisch an. Heute wird der Begriff megamineração (Mega-Bergbau) in der Forschung verwendet, um die massiven Dimensionen zu veranschaulichen, die dieser angenommen hat. In Brasilien führte der Mega-Bergbau zu zwei der verheerendsten Umweltkatastrophen des Landes: dem Bruch der Staudämme in Mariana 2015 und Brumadinho 2019, deren Folgen etwa Júlia Pontés in ihren Fotoarbeiten sichtbar macht.
Während die Infrastruktur der Dom-Pedro-II.-Eisenbahn, die den Ausgangspunkt der Forschungen des TMW-Brasilien-Teilprojekts „Koloniale Infrastrukturen“ bildete, ursprünglich für die Verfrachtung von Kaffee gebaut wurde, mit dem Ziel, verschiedene Kaffeeplantagen zu verbinden, diente sie später dazu, mineralische Rohstoffe vom Landesinneren zu den Häfen an der Atlantikküste zu transportieren. In Minas Gerais wurde der Abbau mineralischer Rohstoffe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts infolge technischer Entwicklungen in großem Maßstab vorangetrieben, ab den 1970er-Jahren stiegen die Exporte dramatisch an. Heute wird der Begriff megamineração (Mega-Bergbau) in der Forschung verwendet, um die massiven Dimensionen zu veranschaulichen, die dieser angenommen hat. In Brasilien führte der Mega-Bergbau zu zwei der verheerendsten Umweltkatastrophen des Landes: dem Bruch der Staudämme in Mariana 2015 und Brumadinho 2019, deren Folgen etwa Júlia Pontés in ihren Fotoarbeiten sichtbar macht.

Künstlerin Júlia Pontés im McColl Center for Art + Innovation, Charlotte, USA
© Júlia Pontés
In ihrer Praxis weist die Künstlerin auf die Zusammenhänge zwischen Bergbauaktivitäten und Infrastrukturen hin. So zeigt ihr Kurzfilm O maior trem do mundo den Transport von Eisenerz auf Schienen. Während Passant:innen den „längsten Zug der Welt“ von einer Brücke aus betrachten, bewegt sich dieser scheinbar endlos durch Bild und Landschaft und unterstreicht damit die Dimensionen des Mega-Bergbaus. Auch über O maior trem do mundo und Colonial Veins hinaus stehen die sozialen und ökologischen Auswirkungen des Extraktivismus auf Minas Gerais – woher Pontés selbst stammt – im Mittelpunkt ihrer künstlerischen Praxis sowie ihres Aktivismus und ihrer Forschung im Rahmen der Investigativplattform Observatorio da Mineração.
Im Interview der Forschungsausstellung Koloniale Infrastrukturen spricht Pontés über die lange Geschichte des Extraktivismus in Brasilien und weist auf Parallelen zur Gegenwart hin, die sie etwa im intensivierten Abbau von mineralischen Rohstoffen wie Lithium für die Energiewende oder in der Involvierung europäischer Akteur:innen sieht und die abermals mit Landraub und katastrophalen Folgen für menschliche und nicht-menschliche Lebewesen einhergehen. Zugleich betont sie die ebenso lange Geschichte des Widerstands und insbesondere die Rolle von Frauen darin. Ihre künstlerischen Arbeiten wurden international gezeigt und sind Teil eines größeren Kampfes um eine differenzierte Perspektive auf Extraktivismen, die auch in Europa mehr Beachtung finden sollte.
Links:
Team „Koloniale Infrastrukturen: Brasilien“: Bettina Jernej (TMW), Gudrun Rath (Kunstuniversität Linz)
Text: Gudrun Rath (Kunstuniversität Linz) / Forscherin am TMW-Projekt „Koloniale Infrastrukturen“
Headerbild: © Júlia Pontés
Im Interview der Forschungsausstellung Koloniale Infrastrukturen spricht Pontés über die lange Geschichte des Extraktivismus in Brasilien und weist auf Parallelen zur Gegenwart hin, die sie etwa im intensivierten Abbau von mineralischen Rohstoffen wie Lithium für die Energiewende oder in der Involvierung europäischer Akteur:innen sieht und die abermals mit Landraub und katastrophalen Folgen für menschliche und nicht-menschliche Lebewesen einhergehen. Zugleich betont sie die ebenso lange Geschichte des Widerstands und insbesondere die Rolle von Frauen darin. Ihre künstlerischen Arbeiten wurden international gezeigt und sind Teil eines größeren Kampfes um eine differenzierte Perspektive auf Extraktivismen, die auch in Europa mehr Beachtung finden sollte.
Links:
TMW-Forschungsausstellung „Koloniale Infrastrukturen“: forschung.tmw.at/reframing
Ausstellungsbereich Brasilien: forschung.tmw.at/reframing_brazil
Künstlerin Júlia Pontés: juliapontes.comTeam „Koloniale Infrastrukturen: Brasilien“: Bettina Jernej (TMW), Gudrun Rath (Kunstuniversität Linz)
Text: Gudrun Rath (Kunstuniversität Linz) / Forscherin am TMW-Projekt „Koloniale Infrastrukturen“
Headerbild: © Júlia Pontés
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