Mo 24. August 2026
Giftgrün: Schon das Wort klingt nach Warnsignal. Heute denken wir dabei aber meist an besonders grelle Kleidung, leuchtende Plakate oder auffällige Alltagsgegenstände. Im 19. Jahrhundert waren viele dieser brillanten Grüntöne tatsächlich giftig. Was damals Wände, Bücher oder Tapeten schmückte, stellt Museen heute vor besondere Aufgaben – im TMW betrifft dies beispielsweise sehr schöne Papiermustertapeten und Buntpapiere.
Im 19. Jahrhundert wurden arsenhaltige Pigmente in unterschiedlichsten Industriezweigen eigesetzt: von der Textil- und Papierherstellung über die Buchbinderei und Kerzenproduktion bis hin zur Spielzeugfertigung. Die einfache synthetische Herstellung dieser Pigmente sowie ihre außergewöhnlich leuchtenden Farben machten sie zu begehrten Farbmitteln jener Zeit. Durch die Verbindung von Arsen und Kupfer entstanden intensive, langlebige Farbtöne, die ihre natürlichen Vorgänger in Farbbrillanz und Stabilität weit übertrafen.

Historisches Tapetenmusterbuch mit aufgefächerten Seiten und sichtbar eingeheftetem Tapetenmuster mit floraler Bordüre.: Abb. 1: Einsicht in eines von vielen Tapetenmusterbüchern (Inv.-Nr. 36876)
Abb. 1: Einsicht in eines von vielen Tapetenmusterbüchern (Inv.-Nr. 36876)
Musterblatt einer Papiertapete mit grüner Blattbordüre und weißem floralem Dekor auf hellblauem Hintergrund: Abb. 2: Beispiel einer Musterseite mit knalligem Grünton, die einen Arsenanteil vermuten lässt (Inv.-Nr. 36876)
Abb. 2: Beispiel einer Musterseite mit knalligem Grünton, die einen Arsenanteil vermuten lässt (Inv.-Nr. 36876)
Zu den bedeutendsten arsenhaltigen Pigmenten dieser Epoche, die auch in historischen Beständen des Museums zu finden sind, zählen unter anderem:

Übersicht: Arsenhaltige Pigmente: Übersicht: Arsenhaltige Pigmente
Übersicht: Arsenhaltige Pigmente
Obwohl die toxische Wirkung von Arsen bereits seit der Antike bekannt war, wurden diese Pigmente erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern gesetzlich verboten. Dennoch versuchten zahlreiche Hersteller ihre vorhandenen Lagerbestände weiterhin in Umlauf zu bringen – teils unter neuen Produktnamen oder verschleiernden Bezeichnungen. Aus diesem Grund enthalten auch manche zu Beginn des 20. Jahrhunderts hergestellten Produkte noch arsenhaltige Substanzen.

Für Konsument:innen bestand damals kaum eine Möglichkeit, sich vor den Gefahren dieser Farben zu schützen: Häufig wurde der gesundheitliche Schaden erst erkannt, wenn Beschwerden auftraten. Zu den akuten Symptomen einer Arsenvergiftung gehören Kopf- und Bauchschmerzen, Erbrechen und Verdauungsprobleme, gefolgt von neurologischen Ausfällen wie Taubheitsgefühlen, Kribbeln und Muskelkrämpfen.
Heute stehen Bibliotheken, Archive und Museen vor der Herausforderung, arsenhaltige Materialien in historischen Beständen zu identifizieren und zu konservieren. Dabei stellt sich zuallererst die Frage: Wie erkennt man das „giftige Grün“?

Zunächst ist zu beachten, dass arsenhaltige Pigmente nicht nur für die Erzeugung grüner Farbtöne verwendet wurden. Vielmehr dienten sie auch der Intensivierung anderer Farbtöne – darunter Blau, Rot, Mauve, Rosa, Gelb, Braun und Grau. Sie fanden besonders häufig in floralen Mustern Anwendung, etwa auf Tapeten oder Bucheinbänden.

Ein wichtiger Meilenstein in der Aufklärung über die Gefahren dieser Pigmente war die Entdeckung des italienischen Chemikers Bartolomeo Gosio im Jahr 1891: Er konnte nachweisen, dass sich bei der Kombination von arsenhaltigen Farbstoffen mit Schimmelpilzen in feuchtem Tapetenkleister ein hochgiftiges Gas – Arsentrioxid – bilden kann, das unter bestimmten Bedingungen tödlich wirkt. Erst mit diesem wissenschaftlichen Nachweis begann der langsame Rückzug der giftigen Farben aus privaten Haushalten. Gleichzeitig fand eine Ära, in der das heimische Wohnzimmer potenziell lebensgefährlich war, ihr Ende.
 
In den Depots des TMW befindet sich eine außergewöhnliche Sammlung von Buntpapiermustern, darunter auch Papiertapeten, die von Wiener Herstellern stammen und auf das 19. Jahrhundert datieren. Während der Depotinventur fielen den Mitarbeitenden die intensiven, leuchtenden Farbtöne auf, die auf den ersten Blick einen hohen künstlerischen Wert und eine bemerkenswerte Haltbarkeit vermuten ließen.

In enger Zusammenarbeit mit den Expert:innen aus der Restaurierung wurden ausgewählte Objekte einer detaillierten wissenschaftlichen Untersuchung unterzogen. Zu diesem Zweck wurden zwei exemplarische Beispiele aus zwei verschiedenen Musterbüchern ausgewählt: „Buntpapiere von dem Buntpapierfabrikanten Wilhelm Knepper in Wien, 1844“ (Inv.-Nr. 61101) und „Papier-Tapeten aus der Fabrik der Herren Spörlin und Rahn in Wien, 1828“ (Inv.-Nr. 61125).
Um sicherzustellen, dass die Entnahme der Pigmentproben so schonend und präzise wie möglich erfolgt, wurden sterile, feuchte Wattestäbchen verwendet. Die Proben wurden anschließend im Labor des Bundesdenkmalamtes von Dr. Linke auf ihre chemische Zusammensetzung hin analysiert.

Die Ergebnisse der mikroskopischen Untersuchung unter dem Rasterelektronenmikroskop (REM) bestätigten die Vermutungen der Mitarbeiter:innen: Es handelt sich bei den verwendeten Farbstoffen um arsenhaltige Pigmente, die typisch für das 19. Jahrhundert sind. Neben weiteren, nicht eindeutig definierbaren Kupferpigmenten konnte das Vorhandensein von Schweinfurter Grün in zwei von drei untersuchten Pigmentproben bestätigt werden (vgl. Abb. 3–6).

Gesamtaufnahme einer Musterbuchseite mit türkisfarbenem Buntpapier. Die Fläche zeigt ein dichtes, sich wiederholendes florales Rankenmuster mit goldfarbenen Blüten und Blättern, das die gesamte Seite bedeckt: Abb. 3: Gesamtaufnahme der beprobten Seite eines „Buntpapier-Musterbuchs“ (Inv.-Nr. 61101)
Abb. 3: Gesamtaufnahme der beprobten Seite eines „Buntpapier-Musterbuchs“ (Inv.-Nr. 61101)
Gesamtaufnahme einer Musterbuchseite mit ornamentaler Buntpapiergestaltung in Grün- und Türkistönen. Das symmetrische Muster besteht aus stilisierten Blatt- und Farnmotiven, die sich in großen, fächerförmigen Formen über die gesamte Seite wiederholen: Abb. 4: Gesamtaufnahme der beprobten Seite eines „Buntpapier-Musterbuchs“ (Inv.-Nr. 61125)
Abb. 4: Gesamtaufnahme der beprobten Seite eines „Buntpapier-Musterbuchs“ (Inv.-Nr. 61125)
Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme der Probenentnahme. Auf den Baumwollfasern haften zahlreiche Pigmentpartikel unterschiedlicher Größe. Die Aufnahme dokumentiert die mikroskopische Verteilung der Farbreste auf dem Probenträger. Maßstabsbalken: 100 Mikrometer: Abb. 5: Detailaufnahme der Probe (L93/25: Probe 7, Inv.-Nr. 61101); sichtbare Pigmentpartikel anhaftend auf Baumwollwatte im Rasterelektronenmikroskop
Abb. 5: Detailaufnahme der Probe (L93/25: Probe 7, Inv.-Nr. 61101); sichtbare Pigmentpartikel anhaftend auf Baumwollwatte im Rasterelektronenmikroskop
EDS-Analysegrafik der im Rasterelektronenmikroskop untersuchten Probe. Markante Signale für Kupfer und Arsen belegen das Vorhandensein arsenhaltiger Kupferpigmente und bestätigen den Nachweis von Schweinfurter Grün: Abb. 6: Die REM-Analysegrafik der Probe (L93/25: Probe 7, Inv.-Nr. 61101) zeigt den deutlichen Arsenanteil und bestätigt damit den Anteil von Schweinfurter Grün
Abb. 6: Die REM-Analysegrafik der Probe (L93/25: Probe 7, Inv.-Nr. 61101) zeigt den deutlichen Arsenanteil und bestätigt damit den Anteil von Schweinfurter Grün
Diese Entdeckung unterstreicht den damals weit verbreiteten Gebrauch und damit die historische Bedeutung von Buntpapieren und Papiertapeten – aber auch die Risiken, die mit der Nutzung dieser giftigen Pigmente in alltäglichen Produkten verbunden waren. Gleichzeitig zeigen diese Beispiele, wie wichtig materialtechnische Untersuchungen historischer Objekte sind – nicht nur für ihre Erhaltung, sondern auch für den Arbeitsschutz der Museumsmitarbeiter:innen. Eine Sensibilisierung dient sowohl der Erhaltung des Objektbestandes als auch dem Schutz der Gesundheit jener Menschen, die heute mit diesen Objekten hantieren.
Das nächste Mal, wenn Ihnen etwas besonders „giftgrün“ erscheint, denken Sie vielleicht daran, dass dieser Ausdruck erschreckend wörtlich zu verstehen war.

Ausstellungstipp

In der Kartause Mauerbach ist bis 27. September 2026 die Ausstellung Farb(ge)schichten – von Purpur, Smalte und Giftgrün des Bundesdenkmalamtes zu sehen, die in Kooperation mit dem TMW entstanden ist.
 
Literaturempfehlungen:
  • J. C. Haslam: Deadly Décor. A Short History of Arsenic Poisoning in the Nineteenth Century, Res Medica 2013, 21 (1)
  • Lucinda Hawksley: Gefährlich schön. Giftige Tapeten im 19. Jahrhundert, Hildesheim 2018
  • Rosedore Schaaff, Josef Riederer: Die Herstellung und Verarbeitung von Schweinfurter Grün, Berliner Beiträge zur Archäometrie, Band 11, S. 197–205, Berlin 1992 [Diese Publikation enthält eine ausführliche Liste bekannter arsenhaltiger Pigmente.]