Di 06. Oktober 2026
Mit vertrauter Regelmäßigkeit tauchen die Maronibrater:innen jeden Winter in den Straßen der Stadt auf. Sie lassen uns die Kälte zumindest für kurze Zeit vergessen und versorgen unsere Münder mit Früchten der besonderen Art. Ein geschmacklicher Gruß aus dem Süden Europas, seit mehr als zwei Jahrhunderten etabliert als schneller Imbiss zwischendurch. 
Die dafür notwendige Ausrüstung war und ist relativ einfach. Neben dem Ofen braucht man lediglich Heizmaterial, Aschenkübel, Schürhaken und Schaufel – und natürlich die Rohware. Wobei sich die Angebotspalette sukzessive erweiterte und neben Maroni oft auch Braterdäpfel inkludiert. Fehlen dann nur noch Papiertüten, Salz und Handkassa.
Der Maroniofen selbst ist mit Holzkohle oder Gas zu befeuern. Er weist einen oder mehrere (herausziehbare) Roste auf, auf denen die Früchte gebraten und warmgehalten werden, einen Deckel sowie Griffe und Fußrollen zum leichteren Transport. In Spitzenzeiten lassen sich damit rund 1.000 Maroni pro Stunde braten. Die Verkaufssaison geht vom 1. Oktober bis 30. März. In dieser Zeit gehört der Ofen zu jenen Stadtmöbeln, die die Nutzung des öffentlichen Raums von Wien bereichern.
 
Seit dem 19. Jahrhundert prägen die Maronibrater:innen das Straßenbild – visuell, geruchlich und akustisch. Schon von Weitem konnte man das „Maroni! Maroni!“ vernehmen, das gleichsam als akustische Signatur fungierte. Im Lauf der Jahrzehnte avancierten sie zu klassischen „Wiener Typen“, die die gute alte Zeit verkörpern. Als solche wurden sie dann auch auf zahlreichen Fotoserien, Bastelbögen oder Spielkarten dargestellt – als Requisit immer mit dabei: der Ofen.
 
Historisches Foto eines Mannes an einem schwarzen Maroniofen mit Holzbefeuerung: Seit dem 19. Jahrhundert prägen die Maronibrater:innen ...
Seit dem 19. Jahrhundert prägen die Maronibrater:innen ...
Historisches Foto eines Mannes in Winterkleidung und Schürze, der neben einem metallenen Maroniofen steht und seine Ware anbietet. Im Hintergrund sind Werbeflächen mit Texten wie „Meerschaum“ und „Die Löwenbrauerei“ sowie ein großes Gebäude mit Türmen zu sehen: ... das Straßenbild  in Wien
... das Straßenbild in Wien
Auch die Zeitungsfeuilletons nahmen sich ihrer begeistert an, interpretierten sie wohlwollend als Figur, die in dieser Form nur in Wien anzutreffen sei. So meinte Eduard Pötzl, renommierter Journalist des „Neuen Wiener Tagblatts“, im Jahr 1895: 
 
„Das Wiener Straßenbild bietet Erscheinungen, die so recht geeignet sind, selbst dem flüchtigen Beobachter die stark ausgeprägte Subjecitivität des Wieners dazuthun. Ich meine nicht die Figuren, die auch in anderen Großstädten auf der Bildfläche herumwimmeln. Ich meine vielmehr Diejenigen, die außerhalb Wiens überhaupt nicht vorkommen oder doch in wesentlich veränderter Form. Der 'Kästenbrater' wird wohl kaum irgendwo sein 'Maroni, Maroni arrostiti, bratene Aepfel!' so schreien wie bei uns.“
 
Doch so nostalgisch das Erscheinungsbild für viele auch gewesen sein mag, die soziale und ökonomische Lage dieser Kleinhändler:innen stellte sich oft mehr als trist dar. Für Max Winter, engagierter Sozialreporter der Arbeiter-Zeitung, gehörten sie eindeutig zu den ärmsten ihrer Zunft. Ihr Verdienst war karg, reichte gerade zum Überleben. Nicht selten klagte ein Maronibrater, so Winter, über die Härte seiner Arbeit, über die „Qual am Bratofen“ und das „Sitzen an der zugigen Ecke“ – und auch über eine gewisse soziale Isoliertheit: „Den ganzen Winter über hatte kein Mensch von ihm, sondern nur von den Maronis und Braterdäpfeln mit ihm gesprochen.“ 
 
Die voranschreitende Verklärung des Berufsstandes fügte sich nahtlos ein in den nostalgischen Mythos vom Schmelztiegel Wien, der sich schließlich im ausgehenden 20. Jahrhundert auch touristisch immer erfolgreicher vermarkten ließ. Als sich Wien im Dezember 1998 im Zuge der Abschlussfeierlichkeiten für die österreichische EU-Ratspräsidentschaft als europäische Metropole mit ausgeprägtem Sinn für Tradition präsentierte, wurden drei zum Klassiker gewordene kulinarische Institutionen vorgestellt: das Wiener Kaffeehaus, der Wiener Heurige – und der Maronibrater. Die einstige urbane Randfigur war damit endgültig in den Pantheon der Wiener Sehenswürdigkeiten aufgestiegen. 
 
Die eigentlichen Attraktionen, die Maroni nämlich, werden heute zumeist aus Italien importiert. Am Inzersdorfer Großmarkt finden sie ihren Weg zu den Händlern. In Heimarbeit werden sie mit einem Messer an der gerundeten Seite eingeschnitten und zuletzt, des leichteren Transports wegen, in 10-Kilo-Säcke verpackt. 

Insgesamt gibt es derzeit in Wien rund 200 Maronistände, die meisten davon sind übrigens in den Händen von Frauen. Die im TMW ausgestellten Öfen stammen ursprünglich aus dem Besitz von Sibylle Geiszler. Als „Maroni-Königin“ von Wien betreibt sie das von ihrer Mutter begründete Gewerbe seit 1997 und ist Inhaberin von fünf Ständen. Wobei bei den Öfen heute eindeutig der Holzkohleofen dominiert. Die darauf zubereiteten Maroni schmecken einfach am besten.
 
Schwarze Kesselfeuerstelle auf Rollen (Maroniofen) mit Schaufel und Eimer für Kohle: Maroniofen für Befeuerung mit Holzkohle, 2010 (Inv.-Nr. 113398)
Maroniofen für Befeuerung mit Holzkohle, 2010 (Inv.-Nr. 113398)
Schwarzer, zylindrischer Gasmaroniofen mit seitlich ausgeklapptem Rost, Rollen und orangefarbener Gasleitung: Maroniofen für Befeuerung mit Gas, 2010 (Inv.-Nr. 113399)
Maroniofen für Befeuerung mit Gas, 2010 (Inv.-Nr. 113399)
Peter Payer ist Historiker und Kurator im Technischen Museum Wien, Sammlungsgruppe „Kommunale Infrastruktur“.
 
Die beiden Maroniöfen sind aktuell im Rahmen des Sonderformats „Objekt im Spotlight" auf Ebene 4 zu sehen. Mit dieser Präsentationsform geben TMW-Mitarbeiter:innen Einblick in ihre Arbeit, indem sie ausgewählte Objekte aus der Sammlung vorstellen – auch solche, die (noch) nicht in Ausstellungen zu sehen sind. So wird Verborgenes sichtbar und ein Blick hinter die Kulissen des musealen Alltags möglich.
 
Die bisherigen Bespielungen des Sonderformats „Objekt im Spotlight“: