Mo 10. Januar 2022
Kälte ist kostbar. Das weiß man auf dem Gebiet der Ernährung schon lange. Ist doch Kühlen eine der effizientesten Methoden zum Konservieren von Lebensmitteln. Und die Kälte lässt sich – zumindest temporär – speichern, in Form von Eis. Das „weiße Gold“ wurde im 19. Jahrhundert zu einem immer wichtigeren Wirtschaftsfaktor. Vor allem die rasant wachsenden Metropolen verspürten einen gigantischen Eishunger.
Auch in Wien entstanden relativ stadtnah Eisproduktionsstätten und Eislagerhäuser. Vornehmlich an der Alten Donau, der Hauptgewinnungsstätte für Natureis. Denn Eis aus gefrorenen Gewässern zu entnehmen, war zunächst die verbreitetste Methode. Diese „Eisernte“ war harte Arbeit. Im Unterschied zu den USA, wo schon früh mechanisierte Arbeitsmethoden Einzug hielten, setzte man hierzulande lange Zeit auf das simple Aufhacken des Eises und das mühsame Herausziehen der einzelnen Schollen aus dem Wasser. Diese wurden sodann auf Pferdefuhrwerke geladen und in die Keller der Abnehmer gebracht. Erst relativ spät kamen auch Eissägen und Aufzüge mit Förderbändern zum Einsatz.

Zahlreiche Unternehmen etablierten sich in diesem Metier. Im Jahr 1869 gründete Adolph Pokorny im 9. Bezirk Wiens erste Eisfabrik. Es folgten die „Vienna Ice Company“, als Tochtergesellschaft eines britischen Großkonzerns ein ökonomischer Big Player, sowie weitere lokale Betriebe wie die „Wiener Eiswerke“ oder die „Österreichischen Eiswerke“. Sie alle trachteten danach, ihre Kunden mit hervorragender „krystallheller Naturwaare“ zu beliefern. Mit vertrauter Regelmäßigkeit sah man fortan, so ein Zeitgenosse, „Kolonnen von hoch mit Eis beladenen Wagen, die von starken Pferden gezogen, im Schritt den weiten Weg von der alten Donau in alle Teile der Stadt zurücklegen. Es sind die Erntewagen des Winters, und sie bieten mit den sorgfältig geschichteten, durchsichtigen, wassergrünen Platten einen hübschen Anblick, an dem sich namentlich die Kinder erfreuen, die auf den Augenblick lauern, wo ein Stück auf die Straße fällt, in hundert Splitter zerschellt und mit Geschwindigkeit der haschenden Hand entgegengleitet.“

Die Versorgung mit Natureis hatte jedoch einen entscheidenden Nachteil: Stets war sie von den jährlich schwankenden Frostperioden abhängig. Erst mit der industriellen Kunsteiserzeugung konnte dies ausgeglichen und der Markt das ganze Jahr über gleichmäßig beliefert werden. Wenngleich das Natureis noch lange Zeit eine wichtige Rolle spielte. Noch 1907 wurde in Wien mehr Natureis gewonnen als Kunsteis, wobei 60 Prozent des Natureises von der Alten Donau kam; der Rest stammte von der Donau im Kuchelauer Hafen, von Bächen und Mühlwässern sowie von Teichen.

Bei der Entwicklung der künstlichen Eiserzeugung nahm Österreich in mehrerer Hinsicht eine führende Rolle ein. Es war der Schwechater Brauunternehmer Anton Dreher, der zu den wichtigsten Förderern des deutschen „Kältepioniers“ Carl Linde (1842–1934) gehörte. Dieser hatte Kältedampfmaschinen entwickelt, die mittels Kompression leicht flüchtiger Gase, Kälte erzeugten. Der Prototyp wurde 1877 in der Dreherschen Brauerei in Triest aufgestellt – und leitete damit auch eine neue Ära der Eiserzeugung ein.

Linde-Eismaschine von 1877 (TMW-Bildarchiv, FA-118982): Linde-Eismaschine von 1877 (TMW-Bildarchiv, FA-118982)
Linde-Eismaschine von 1877 (TMW-Bildarchiv, FA-118982)
In Wien nahm im Sommer 1884 die „Wiener Krystall-Eis-Fabrik“ ihren Betrieb auf. Gründer war der Großindustrielle Moritz Faber, der als Direktor Karl Heimpel engagierte, ehemals Vertreter von Lindes Eismaschinen und Experte auf dem Gebiet der Kältetechnik. Die in der Klosterneuburger Straße 95 gelegene Fabrik (heute Areal des Brigittenauer Hallenbades) stellte Kunsteis in länglichen Blöcken zu je 25 Kilogramm her. Das reine und gleichmäßig geformte Eis wurde zum Verkaufsschlager. Das Unternehmen expandierte mehrmals und erreichte schon bald eine Monopolstellung auf dem Wiener Markt. 1898 wurde es zum „k. u. k. Hoflieferanten“ ernannt.

Für die zahlreichen gewerblichen Kunden war diese Monopolstellung weniger vorteilhaft, waren sie doch oft wahllos den überhöhten Preisen des Anbieters ausgesetzt. Weshalb sich 1898 die Genossenschaften der Gastwirte, Hoteliers, Fleischhauer, Fleischselcher, Cafétiers, Zuckerbäcker, Wildbret- und Geflügelhändler zu einer Wirtschaftsgenossenschaft zusammenschlossen und die „Eisfabrik der Approvisionirungs-Gewerbe in Wien“ gründeten. Standort war ein noch weitgehend unverbautes Gelände in der Pasettistraße im heutigen 20. Bezirk, wo man mit der Produktion von Natureis, aber schon bald auch im großen Stil mit Kunsteis begann. Die Lage im Grundwassergebiet der Donau, ein direkter Gleisanschluss an die Nordbahn sowie die damals modernste technische Ausstattung stellten wichtige Standortfaktoren dar. Die moderate Preispolitik und die enge Vernetzung mit den Gewerbebetrieben ließen den Betrieb florieren.

Auch in anderen Wiener Bezirken entstanden kleinere bis mittelgroße Eisfabriken. Sie alle trugen nicht selten das Wort „Krystalleis“ in ihrer Firmenbezeichnung. „Krystall“ avancierte zu einem Qualitätsbegriff, einem Markenzeichen für reine und durchsichtige und somit exzellente Eisprodukte.

Neben Handel und Gewerbe war die private Nachfrage nach Kunsteis noch relativ bescheiden. Nur wenige, zumeist großbürgerliche Haushalte konnten sich einen Eiskasten leisten. Wenngleich es schon um 1900 eine Vielzahl an Modellen gab. Die innen mit Blech verkleideten Holzschränke wiesen ein von vorne oder von oben zu befüllendes Fach für den Eisblock auf, der eine genormte Länge von einen oder einen halben Meter hatte. Im unteren Bereich des Eiskasten befand sich ein Sammelbecken samt Ablaufhahn für das Schmelzwasser. Zwei bis drei Tage hielt das Eis im Regelfall und entfaltete seine Kühlwirkung.

Eiskasten, 1903 (TMW-Inv.Nr. 58877)
Eiskasten, 1903 (TMW-Inv.Nr. 58877)
Bei der „Eisfabrik der Approvisionirungs-Gewerbe“ stiegen Mitgliederzahl und Kundennachfrage so rasch, dass man den Betrieb schon im ersten Jahrzehnt mehrmals erweiterte. 1917 konnte sogar der Hauptkonkurrent, die „Wiener Krystall-Eis-Fabrik“, erworben werden. Und nach dem Ersten Weltkrieg wurde in der nahen Donaueschingenstraße eine weitere große Anlage eröffnet. 1925/26 nach Bauplänen der Architekten Silvio Mohr und Ferdinand Fuchsik errichtet, stellte diese eine für Wien einzigartige Fabriksarchitektur im expressionistischen Stil dar, u. a. wurde bei der Fassadengestaltung symbolhaft auf die Form des Eiskristalls Bezug genommen. (Ein Teil der Gebäude ist heute noch erhalten und in einem Wohnkomplex mit Ärztezentrum integriert.)
Auch die technische Ausstattung war auf der Höhe der Zeit: Der in dieser Fabrik installierte Generator galt als größte Eismaschine Europas. Expansion und Produktion des nunmehr „Vereinigte Eisfabriken“ genannten Großkonzerns erreichten ihr Maximum: Pro Tag wurden in der Hochsaison bis zu 48.000 Stück Blockeis hergestellt. Die größte Eisfabrik des Kontinents war entstanden. Ihr Eispreis galt als einer der billigsten in Europa.

Produktion von Eisblöcken, 1930er-Jahre
Produktion von Eisblöcken, 1930er-Jahre
Auch die Größe des Fuhrparks war enorm. Über 200 Pferdewagen waren wienweit im Einsatz, ab 1926 kamen immer öfter Automobile hinzu. Der Betrieb etablierte sich als Vorreiter der Automobilisierung, galt es doch bei der Zustellung möglichst wenig Zeit zu verlieren. Auch entferntere Kunden konnten nunmehr mit dem Lastauto regelmäßig beliefert werden. Die Anzahl der motorisierten Betriebsfahrzeuge wuchs auf 60 Stück an.
Der Höhepunkt der Kunsteisproduktion war erreicht. Die zunehmende Verbreitung von strombetriebenen Kleinkühlanlagen sorgte in der Folge für sinkende Absatzzahlen. Die Betriebsführung sah sich zur Umstrukturierung veranlasst und ließ ab 1939 in mehreren Etappen Kühlhäuser errichten. Ende der 1950er-Jahre wurde die Eisherstellung schließlich ganz eingestellt, die Lagerung trat an ihre Stelle. Unter der Bezeichnung „Vereinigte Eisfabriken und Kühlhallen in Wien“ ist die Firma bis heute aktiv, als ältester und größter Dienstleistungsbetrieb auf dem Kühlsektor in Österreich. Die Produktion von Eisblöcken ist passé. Nur ganz selten werden noch einige wenige auf Anfrage für die Theater- und Filmbranche produziert und die ehemals glorreiche Vergangenheit lebt kurz wieder auf.

Literaturhinweise:
Centrum Industriekultur Nürnberg, Münchner Stadtmuseum (Hg.): Unter Null. Kunsteis, Kälte und Kultur. Ausstellungskatalog. München 1991.
Wessel Reinink: Eiskeller. Kulturgeschichte alter Kühltechniken. Wien-Köln-Weimar 1995.

Peter Payer (TMW) ist Historiker und Stadtforscher sowie Kurator im Sammlungsbereich „Alltag und Gesellschaft“.