Mo 26. Januar 2026
In der aktuellen Sonderausstellung „Im Bann der Bahn. 200 Jahre Eisenbahn" gibt es einen Moment, den wir immer wieder beobachten: Besucher:innen bleiben vor einem weißen Güterwagenmodell stehen, beugen sich vor, zeigen auf Details im aufgeschnittenen Innenraum – und plötzlich geht ein Lächeln über ihre Gesichter. „Ah, so funktionierte das also!“ Die Rede ist von einem Bierkühlwagen im Maßstab 1:5. Er erzählt die Geschichte einer technischen Errungenschaft, die heute selbstverständlich scheint: Wie hält man etwas kühl, wenn es keine Steckdose gibt?
Stellen wir uns einen Sommertag im Wien des 19. Jahrhunderts vor. Die Stadt ist heiß, die Luft steht, und überall lauert die Gefahr des Verderbens. Ohne elektrische Kühlung musste alles rasch verbraucht oder mühsam geschützt werden. Eis war kostbar – im Winter aus zugefrorenen Gewässern gesägt, in tiefen Kellern eingelagert und im Sommer unter großer körperlicher Anstrengung in die Stadt gebracht. Kühlung war kein beiläufiger Vorgang, sondern ein logistischer Kraftakt, der entschied, was haltbar blieb und was nicht.

Im Winter begann rund um Wien die „Eisernte“: An der Alten Donau, an Teichen im Umland oder in eigens angelegten Eisweihern sägten Arbeiter meterdicke Eisschollen aus dem gefrorenen Wasser. Die schweren, wassergrün schimmernden Blöcke wurden mit Haken bewegt, auf Schlitten und Pferdefuhrwerke geladen und in die Stadt transportiert. Dort lagerten sie, mit Stroh und Sägespänen isoliert, in tiefen Eiskellern – oft monatelang. Erst gegen Ende des Jahrhunderts ergänzten Kunsteiswerke diese Versorgung, doch auch sie waren aufwendig und energieintensiv. Kälte entstand nicht auf Knopfdruck, sie musste organisiert, überwacht und verteilt werden.

Besonders deutlich zeigte sich diese Abhängigkeit von Kälte beim Bier. Denn Bier war nicht nur ein Alltagsgetränk, sondern auch ein empfindliches Produkt – vor allem dann, wenn es sich um jene Sorten handelte, die gleichmäßig kühl bleiben mussten. Für Brauereien und Wirte stellte sich daher eine zentrale Frage: Wie lässt sich Bier über längere Zeit und über größere Entfernungen zuverlässig transportieren? Die Antwort steht heute als detailliertes Modell in unserer Ausstellung.

Biertransportwagen StEG 40006: Das Modell (Maßstab 1:5) aus dem Jahr 1900 zeigt die Funktionsweise der Kühlung: Biertransportwagen StEG 40006: Das Modell (Maßstab 1:5) aus dem Jahr 1900 zeigt die Funktionsweise der Kühlung
Biertransportwagen StEG 40006: Das Modell (Maßstab 1:5) aus dem Jahr 1900 zeigt die Funktionsweise der Kühlung
Warum sich der Aufwand lohnte
Ein Name ist mit dieser Entwicklung untrennbar verbunden: Anton Dreher. Er begann um 1841 in Wien, gezielt untergäriges Bier im großen Stil zu brauen. Das war technisch anspruchsvoll, aber wirtschaftlich wegweisend. Untergäriges Bier war klarer, geschmacklich stabiler und deutlich länger haltbar als viele andere Sorten. Es eignete sich damit ideal für eine wachsende Stadt und einen expandierenden Markt. Der Begriff „Lagerbier" geht direkt auf diese Praxis zurück: Dieses Bier musste über längere Zeit kühl gelagert werden, häufig in tiefen Kellern mit großen Eisvorräten. Genau diese Lagerfähigkeit machte es so attraktiv – auch wenn sie einen hohen Aufwand bedeutete.

Ober- und untergärig – was steckt dahinter?
Die Bezeichnungen ober- und untergärig beschreiben nicht die Stärke oder Qualität eines Bieres, sondern das Verhalten der Hefe während der Gärung. Bei obergärigem Bier arbeitet die Hefe bei wärmeren Temperaturen und sammelt sich an der Oberfläche der Flüssigkeit. Solche Biere ließen sich vergleichsweise einfach herstellen, waren jedoch weniger lange haltbar. Untergäriges Bier hingegen wird bei deutlich niedrigeren Temperaturen vergoren; die Hefe sinkt dabei auf den Boden des Gärgefäßes. Diese Form der Gärung machte Eis, Keller und später Kühltechnik unverzichtbar, brachte jedoch ein besonders stabiles und transportfähiges Produkt hervor.

Wenn im historischen Zusammenhang davon die Rede ist, dass untergäriges Bier gekühlt transportiert werden musste, ist damit nicht die heutige Situation gemeint. Moderne Biere sind durch kontrollierte Gärung, hygienische Abfüllung und lange Haltbarkeit auch bei Zimmertemperatur lagerfähig. Im 19. Jahrhundert jedoch war Kühlung entscheidend – bereits während Herstellung, aber auch bei der Reifung und beim Transport. Erwärmte sich das Bier, drohten Trübungen, Geschmacksveränderungen oder Verderb – Kühltechnik war daher keine Option, sondern Voraussetzung.

Die weiße Farbe des Kühlwagen ist kein Zufall, sondern bewusst gewählt: Weiß reflektiert Sonnenlicht und verringert das Aufheizen des Innenraums: Die weiße Farbe des Kühlwagen ist kein Zufall, sondern bewusst gewählt: Weiß reflektiert Sonnenlicht und verringert das Aufheizen des Innenraums
Die weiße Farbe des Kühlwagen ist kein Zufall, sondern bewusst gewählt: Weiß reflektiert Sonnenlicht und verringert das Aufheizen des Innenraums
Kühlung auf Schienen
Um dieses empfindliche Bier zuverlässig zu befördern, entwickelte man den Bierkühlwagen – einen Güterwagen, der vollständig auf den Erhalt niedriger Temperaturen ausgelegt war. Eine dicke Korkisolierung schützte den Innenraum vor Wärme. Unter dem Wagendach befand sich ein großer Eisbehälter, der mit Natureis oder Kunsteisblöcken befüllt wurde. Während das Eis schmolz, sank die kalte Luft in den Frachtraum und kühlte die Fässer. Das Schmelzwasser wurde über eigene Leitungen nach außen abgeführt. So entstanden rollende Kühlsysteme – lange bevor elektrische Kühltechnik verfügbar war.

Das Modell – Kälte in Miniatur
Genau dieses System zeigt die Bierkühlwagen-Garnitur im Maßstab 1:5, die aktuell in der Ausstellung Im Bann der Bahn zu sehen ist. Der Schnitt durch den Wagenkasten legt die Konstruktion offen: die mehrschichtigen Holzwände, die Korkisolierung, die Eisschütte unter dem Dach und die fein ausgearbeiteten Leitungen und Beschläge. Jedes Detail zeigt, wie durchdacht der Kampf gegen die Wärme geführt wurde.
Für Modellbahnfreund:innen ist der Wagen ein Höhepunkt handwerklicher Präzision; für alle anderen ein anschauliches Beispiel dafür, wie viel technischer Aufwand hinter etwas so Alltäglichem wie einem kühlen Bier steckte. Dass dieser Kühlwagen weiß gestrichen war, ist kein Zufall, sondern hatte rein praktische Gründe: Weiß reflektiert Sonnenlicht und verringerte das Aufheizen des Innenraums.

Noch mehr entdecken: Das Buch zur Ausstellung
Wer jetzt neugierig geworden ist: Dieser Bierkühlwagen ist nur eines von vielen faszinierenden Exponaten, die im Begleitband Magie auf Schienen. Eisenbahnmodelle erzählen ihre Geschichte ausführlich vorgestellt wird. Hochwertige Fotografien und fundierte Texte machen sichtbar, wie Eisenbahnmodelle technische Innovationen und Alltagsgeschichte miteinander verbinden – von der ersten Dampflok bis zu modernen Hochgeschwindigkeitszügen.

Begleitband zur Ausstellung „Im Bann der Bahn“: Begleitband zur Ausstellung „Im Bann der Bahn“
Begleitband zur Ausstellung „Im Bann der Bahn“
Magie auf Schienen. Eisenbahnmodelle erzählen ihre Geschichte
Verlag Technisches Museum Wien
€ 28,80 | ISBN 978-3-903242-14-2
Erhältlich im Buchhandel oder unter tmw.at/shop.