Mo 13. Juni 2022
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde in vielen europäischen Städten ein neues Entsorgungssystem eingeführt: Flächendeckend stellte man Coloniakübel auf, mit denen die Müllabfuhr deutlich hygienischer und vor allem staubfreier vor sich ging. Eine nachhaltige Verbesserung im Dienst der kommunalen Gesundheitsvorsorge.
Erste umfassende Strategien zur geregelten Abfuhr des Hausmülls gehen auf das 19. Jahrhundert zurück, als Europas Städte zu dicht verbauten Metropolen heranwuchsen und sich immer weiter in die Umgebung ausdehnten. In Wien waren es die sogenannten „Mistbauern“, die dafür von der Kommune herangezogen wurden. Sie sammelten den Müll mit Hilfe von pferdegezogenen Wagen ein und entsorgten ihn in Deponien am Stadtrand. Der Abtransport war für die Hausbesitzer kostenlos, und es gab noch keine gesetzliche Verpflichtung zur Entsorgung des Mülls.
Die Häufigkeit derselben steigerte sich sukzessive. Um 1900 wurde die Sammlung des Hausmülls im 1. Bezirk bereits täglich, in den übrigen Bezirken ein bis zwei Mal wöchentlich durchgeführt. Die Ankunft des „Mistbauern“ wurde durch lautstarkes Läuten einer Glocke, worauf die Hausbewohner ihre Müllbehälter zum Wagen brachten, wo sie ein „Aufleger“ übernahm und entleerte. Da der Großteil des Mülls aus Asche und Staub bestand, waren Arbeiter und Anrainer jedoch immer wieder unangenehmen Geruchs- und Staubbelästigungen ausgesetzt.

„Mistbauer“ in Wien-Leopoldstadt, um 1900: „Mistbauer“ in Wien-Leopoldstadt, um 1900
„Mistbauer“ in Wien-Leopoldstadt, um 1900
Im Jahr 1918 begann die Wiener Stadtverwaltung daher Gefäße nach dem System „Colonia“ zu erproben, benannt nach der Stadt Köln (Colonia=lat. Name für Köln), wo dieses System erstmals angewandt wurde. Der Erfolg sprach für sich. Die neuen, ab 1923 in den Höfen der Wohnhäuser aufgestellten Behälter bestanden aus Eisen, waren somit nicht brennbar und wiesen im Unterschied zu den bisher gebräuchlichen offenen Holzkisten einen leicht zu bedienenden Verschluss gegen den Staub auf. Ihre Entleerung konnte damit weitgehend staubfrei und logistisch effizient durchgeführt werden. Einziger Nachteil: Das Eigengewicht eines Coloniakübels betrug allein im leeren Zustand beachtliche 25 Kilogramm. Schwerarbeit für die zahlreichen Müllmänner (Frauen waren in diesem Beruf zunächst keine anzutreffen).
Das Stadtbauamt war mit der Anwendung der neuen Technik mehr als zufrieden: „Die als Hausstandsgefäße verwendeten Coloniakübel haben einen Fassungsraum von 90 l, der erfahrungsgemäß für den Kehrichtanfall von durchschnittlich 2–4 Parteien ausreicht. Die Gefäße haben einen schwenkbaren Deckel, der durch einen Mechanismus in der Schlußstellung eingeschnappt und festgehalten wird. Die Kübel werden in den Häusern mit einem konsolartigen Träger in einem Abstande von ca. 15 cm vom Boden aufgehängt, so daß das Auskehren von verschüttetem Kehricht leicht möglich ist. Diese Anordung hat auch eine Schonung des Gefäßbodens zur Folge und ist auch deshalb nötig, weil sonst die leeren Kübel keinen Halt hätten und schwer geöffnet werden können.“

Müllsammelwagen, 1923: Müllsammelwagen, 1923
Müllsammelwagen, 1923
Eigene Müllsammelwägen mit mehreren Anhängern, motorisiert und im Eigentum der Stadt Wien stehend, durchquerten von nun an die Bezirke. Der Fuhrpark wurde kontinuierlich erweitert. Schon bald fuhren pro Tag bis zu 54 derartige Sammelzüge durch die Straßen. Auch die bauliche Infrastruktur wurde erweitert: Kommunale Großgaragen entstanden, und in eigenen Werkstätten kümmerte man sich um Reparatur und Reinigung der Coloniakübel.
Im Juli 1928 war die Umstellung auf das auch heute noch gebräuchliche Colonia-System abgeschlossen. Rund 180.000 Coloniakübel waren aufgestellt, jährlich rund 400.000 Kubikmeter Kehricht abgeführt worden. 1934 wurde die regelmäßige Müllabfuhr gesetzlich verankert und flächendeckend für ganz Wien eingeführt. Die nachhaltige und bis heute wirksame Befreiung der Stadt von Abfall und Staub war gelungen.
Die Belästigungen verlagerten sich vom Zentrum hin zu jenen Orten außerhalb des dichtverbauten Stadtgebietes, an denen der Abfall entsorgt wurde. Es waren aufgelassene Sand- bzw. Schottergruben und natürliche Terrainmulden, die als Ablagerungsstätten für den Müll dienten. Die größte dieser Deponien entstand im Gebiet des Bruckhaufens (22. Bezirk), wo sich bis zu zwölf Meter hohe Schutt- und Müllberge türmten. Weitere Anlagen befanden sich bei der Lidlgasse (17. Bezirk), an der Laxenburger- und Bitterlichstraße (10. Bezirk) sowie an der Eibesbrunnergasse (12. Bezirk).
Nach 1945 kam es, ausgelöst durch die steigenden Müllmengen der sich formierenden Konsumgesellschaft, zu einer Vergrößerung der Standgefäße. 1961 wurden 110 Liter fassende Ringtonnen eingeführt, deren Gewicht allerdings für das Personal der Müllabfuhr noch größere Schwerarbeit bedeutete. 1974 folgten wesentlich leichtere, bis heute gebräuchliche Kunststoffbehälter mit einem Fassungsvermögen von 120 bzw. 240 Liter. Später kamen noch Riesen-Coloniakübel mit 1.100 Liter und mehr dazu.

Abfallbehälter in der Schausammlung des TMW, 1920er- bis 1970er-Jahre: Abfallbehälter in der Schausammlung des TMW, 1920er- bis 1970er-Jahre
Abfallbehälter in der Schausammlung des TMW, 1920er- bis 1970er-Jahre
In den Medien sprach man bereits immer öfter von einer „Mülllawine“, die es zu bewältigen gelte, insbesondere in der konsumintensiven Weihnachtszeit. So berichtete die „Rathauskorrespondenz“ am 19. Dezember 1967: „Von Jahr zu Jahr gibt es zu den Weihnachtsfeiertagen immer mehr Abfälle, nicht nur Reste aus der Küche, sondern vor allem riesige Mengen von Verpackungsmaterial. Um ein Überquellen der Coloniakübel zu vermeiden wird heuer die städtische Müllabfuhr am zweiten Weihnachtsfeiertag im Einsatz stehen.“ Die Anzahl der Entleerungen musste zumindest temporär intensiviert werden, obwohl sie schon einige Jahre zuvor erhöht und mit „mindestens 52 pro Jahr“ gesetzlich festgeschrieben worden war. Allesamt Maßnahmen, die uns heute mehr als vertraut erscheinen – denken wir nur an die gestiegene Zunahme des Verpackungsmülls im Zuge des Onlinehandels.
Auch die Endbehandlung des Abfalls änderte sich ab den 1970er Jahren grundlegend. Zur Deponierung gesellte sich die Müllverbrennung (in Wien wurden die Müllverbrennungsanlagen Flötzersteig und Spittelau errichtet), ehe ein radikaler Paradigmenwechsel einsetzte, der Müllvermeidung, Mülltrennung und Recycling als oberste Ziele im Sinne von Ökologie und Nachhaltigkeit definierte.
Ehemalige Deponien, an denen einst die Inhalte unzähliger Coloniakübel entleert worden waren, konnten zu Parkanlagen umgestaltet werden. So weist im heutigen Donaupark nichts mehr auf den hier lange Zeit vorherrschenden Gestank des Abfalls hin.

Literaturhinweis:
Peter Frybert: 70 Jahre staubfreie Müllabfuhr in Wien 1923–1993. Wien 1993.

Peter Payer (Technisches Museum Wien) ist Stadthistoriker und Kurator für „Kommunale Infrastruktur“.