Mi 16. November 2022
Wie soll die Zukunft aussehen? Was ist wichtig dabei? In vielen gesellschaftlichen Bereichen und so auch im Ernährungssystem stellen sich in Anbetracht der Klimakrise diese Fragen. Hier gibt es Einblicke in ein partizipatives Vermittlungsprojekt, in dem Jugendliche nachhaltige Lösungsansätze und Zukunftsmodelle erarbeiteten.
Essen ist unser täglich Brot – wir alle genießen und konsumieren täglich verschiedene Nahrungsmittel. Gleichzeitig steckt hinter unserer Lebensmittelversorgung ein komplexes globales System, das mit einigen Problemstellungen verbunden ist. So werden täglich große Mengen an genießbarem Essen entsorgt, die Landwirtschaft trägt mir hohen Treibhausemissionen zur Klimaerwärmung bei und leidet gleichzeitig unter Hitze und Dürre. Wie soll man diesen Herausforderungen also begegnen und welche Lösungsansätze gibt es dafür? An vier aufeinander folgenden Tagen im Frühjahr 2022 setzten sich sechzehn Schüler_innen einer 6. Klasse des BG/BRG Stockerau intensiv mit dem aktuellen Ernährungssystem auseinander, tauschten sich über ihre Zukunftsvisionen aus und visualisierten diese abschließend in Form von Instagram-Posts, welche am Kanal des Technischen Museums Wien veröffentlicht wurden.
 
Zukunftsvisionen – eine Wertediskussion
Um eine Situation einschätzen und sich eine eigene Meinung darüber bilden zu können, braucht es Informationen und eine Auseinandersetzung mit relevanten Daten und Fakten. Die Ausstellung FOODPRINTS, die von Dezember 2021 bis August 2022 im Technischen Museum Wien zu sehen war, bot die passende Grundlage dafür. Die Fragen, was denn nun wichtig sei und wie man einem Problem begegnen solle, lassen sich abhängig von individuellen und gesellschaftlichen Wertehaltungen ganz unterschiedlich beantworten. Werte spiegeln sich zum einen im persönlichen Alltag sowie Entscheidungen wider und prägen zum anderen gesamtgesellschaftliche Diskussionen und Zukunftsaussichten. Um nun künftige Entwicklungen mitgestalten zu können, ist es zentral, sich beider Ebenen und deren Einfluss auf gesellschaftliche Dynamiken bewusst zu sein. 
Mithilfe eines Reflexionstools machten sich die Schüler_innen Gedanken über ihre persönlichen Werte und wählten anschließend gemeinsam folgende drei Gruppenwerte zum Thema Essen aus: Gerechtigkeit gegenüber Menschen, Tieren und Pflanzen, Gesundheit und ein innovativer, nachhaltiger Fortschritt. Und Optimismus – dieser sei auch wichtig! Weil er aber in allen drei Werten enthalten sein könne, einigten sich die Schüler_innen darauf, dass dieser nicht extra genannt werden müsse.
 
Das Reflexionstool zu persönlichen Werten von "Ein guter Plan": Das Reflexionstool zu persönlichen Werten von "Ein guter Plan"
Das Reflexionstool zu persönlichen Werten von "Ein guter Plan"
Die individuellen Werte der Jugendlichen und die Gruppenwerte zu einem nachhaltigen Ernährungssystem: Die individuellen Werte der Jugendlichen und die Gruppenwerte zu einem nachhaltigen Ernährungssystem
Die individuellen Werte der Jugendlichen und die Gruppenwerte zu einem nachhaltigen Ernährungssystem
Wie sieht das nun in der Praxis aus und wie könnten diese Werte umgesetzt werden? In der Ausstellung suchten die Jugendlichen nach konkreten Beispielen, wie die Gruppenwerte realisiert werden bzw. werden könnten. Von fortschrittlichen Verpackungsalternativen über Informationen zu gesunder Ernährung hin zu gerechter Bezahlung von Lebensmittelproduzent_innen ließen sich einige Umsetzungsmöglichkeiten finden. Sollten die Maßnahmen aber tatsächlich verwirklicht werden, müssten dafür einige Aspekte berücksichtigt werden – daher diskutierten die Jugendlichen auch potenzielle Unterstützungsmaßnahmen und Hindernisse sowie mögliche Reaktionen aus der Bevölkerung.

Sammlung von Umsetzungsmöglichkeiten für die ausgewählten Gruppenwerte: Sammlung von Umsetzungsmöglichkeiten für die ausgewählten Gruppenwerte
Sammlung von Umsetzungsmöglichkeiten für die ausgewählten Gruppenwerte
Diskussionsrunden zu möglichen Hindernissen und Hilfsmitteln bei der Umsetzung: Diskussionsrunden zu möglichen Hindernissen und Hilfsmitteln bei der Umsetzung
Diskussionsrunden zu möglichen Hindernissen und Hilfsmitteln bei der Umsetzung
Multisensorisch, selbstgesteuert und interaktiv
Das Thema Essen wurde von den Schüler_innen jedoch nicht nur anhand von Daten und Fakten behandelt, sondern auch gustatorisch erforscht und spielerisch verarbeitet. Um mit aktuellen, kulinarischen Innovationen vertraut zu werden, konnten die Schüler_innen im tasteLAB der Ausstellung verschiedene Insekten sowie Algenschokolade verkosten. Für unterhaltsame Interaktion sorgte das Spiel „Kohl-Kiwi“, welches zum täglichen Ritual wurde. So konnte im Kreis sitzend ein Klatschimpuls entweder nach rechts mit dem Wort Kohl oder nach links mit dem Wort Kiwi weitergegeben werden. Die schnellen Richtungswechsel führten bereits manchmal zu Verwirrung und Lachsalven, die Eröffnung des Buffets alias Platzwechsel und ähnliche Kommandos machten das geordnete Chaos komplett. In weiteren Arbeitsphasen setzten sich die Teilnehmenden zudem auch eigenständig mit den Themen der Ausstellung auseinander und erarbeiteten selbstgesteuert die Inhalte und Gestaltungen ihrer Instagram-Posts.
 
Auswahl der Inhalte für die Instagram-Posts in der Ausstellung: Auswahl der Inhalte für die Instagram-Posts in der Ausstellung
Auswahl der Inhalte für die Instagram-Posts in der Ausstellung
Gestaltung der Instagram-Posts: Gestaltung der Instagram-Posts
Gestaltung der Instagram-Posts
Partizipative Arbeitsweisen im Technischen Museum Wien
Um den großen Herausforderungen unserer Zeit zu begegnen, möchte das Technische Museum die Besucher_innen dazu motivieren, visionär an Zukunftsmodellen mitzuarbeiten. In diesem Sinne hat sich auch das Team der Kulturvermittlung die Frage gestellt, wie partizipative Zugänge in der Vermittlungsarbeit im Museum realisiert werden können: 
In einem partizipativen Vermittlungsprojekt oder auch einem partizipativen Moment während einer Vermittlung sind die Besucher_innen selbst aktiv und bringen ihr Wissen und ihre Kompetenzen ein, um ein Produkt – sei es ein Gespräch, ein Experiment oder ein Objekt für eine Ausstellung -mitzugestalten. Dabei verändert sich die Rolle der Kulturvermittler_innen hin zu einer verstärkt moderierenden in einen Prozess mit offenem Ausgang. Partizipation kann auf verschiedenen Ebenen sowie in unterschiedlicher Intensität stattfinden und ermöglicht den Teilnehmenden die Erfahrung von Selbstwirksamkeit sowie ein gemeinsames Gruppenerlebnis. Das entstandene Produkt stellt einen wertvollen Beitrag zur Museumsarbeit dar. 
Der Wunsch, die Perspektiven von Besucher_innen miteinzubeziehen, spiegelt sich im Selbstverständnis des Museums als Ort des Austauschs sowie als Plattform für kritische Reflexion und visionäre Entwicklungsstrategien wider. Die Social-Media-Kanäle sind nur eine Ebene, auf der partizipative Mitgestaltung im Museum stattfinden kann, und viele weitere können in Zukunft erforscht werden. Eine Bereicherung für beide Seiten, denn die Möglichkeit der Mitsprache kann zum einen eine erinnerungswürdige und bestärkende Erfahrung für die Teilnehmenden sein und zum anderen unterschiedlichen Blickwinkel auf nachhaltige Zukunftsmodelle Raum geben. 
 
Die jugendliche Perspektive zur Zukunft des Essens
Den Abschluss des Projektes bildeten die erarbeiteten Instagram-Posts der Schüler_innen: Eine Visualisierung ihrer Vorstellungen von einem nachhaltigen Ernährungssystem. Sie zeigten dabei viel Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien und auch große Motivation. Denn die Veröffentlichung ihrer Beiträge auf dem Instagram-Kanal des Museums vermittelte den Schüler_innen, dass ihre Perspektiven ernst genommen wurden. So entstanden ästhetisch ansprechende, informative und zum Teil aufrüttelnde Beiträge, welche von den Schüler_innen selbst abschließend begeisterten Applaus ernteten.
 
Instagram-Post mit relevanten Fragen für den Esstisch: Instagram-Post mit relevanten Fragen für den Esstisch
Instagram-Post mit relevanten Fragen für den Esstisch
Instagram-Post zu nachhaltigem Fortschritt: Instagram-Post zu nachhaltigem Fortschritt
Instagram-Post zu nachhaltigem Fortschritt
Ein beidseits bereichernder Austausch
Das Projekt ermöglichte den Jugendlichen auch neue Erfahrungen und Eindrücke, was Aussagen wie „Mehrwürmer schmecken ja gar nicht so schlecht!“ oder „Essbare Verpackungen aus Algen, das gibt’s?“ deutlich machen. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Museumsabteilungen und deren Ressourcen war es möglich, ein ansprechendes Angebot insbesondere mit der Veröffentlichung der Instagram-Posts zu schaffen, wodurch in dem partizipativen Format unterschiedliche Perspektiven aufgezeigt und gemeinsam nachhaltige Zukunftsmodelle entwickelt werden konnten. Und die Erfahrungen sowie erprobten Methoden aus dem Projekt landen sicherlich nicht in der Schublade, denn zukunftsgerichtete Modelle und verschiedene Blickwinkel dazu werden auch in den kommenden Jahren im Technischen Museum Wien diskutiert werden.
 
Die engagierten Schüler_innen des BG/BRG Stockerau vor der Ausstellung FOODPRINTS im Technischen Museum Wien: Die engagierten Schüler_innen des BG/BRG Stockerau vor der Ausstellung FOODPRINTS im Technischen Museum Wien
Die engagierten Schüler_innen des BG/BRG Stockerau vor der Ausstellung FOODPRINTS im Technischen Museum Wien
Das Projekt wurde im Rahmen der Initiative „culture connected“ des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Forschung gefördert.
 
Die Ausstellung „FOODPRINTS“ ist Teil eines europäischen Kooperationsprojekts mit der DASA Dortmund und dem Parque de las Ciencias in Granada. Nach ihrer Präsentation in Wien wandert die Ausstellung zu den Partnermuseen und ist von 29. Oktober 2022 bis 27. August 2023 in Dortmund zu sehen und von Herbst 2023 bis Herbst 2024 in Granada zu besichtigen.


FÖRDERER
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