• Sauschneidermesser_1 © Technisches Museum Wien, Foto: Peter Sedlaczek
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Produktionstechnik
Sammlungsgruppe
Metallbearbeitung
Ausstellung
IN ARBEIT

Sauschneidermesser

Es ist ein Phänomen des 18. und 19. Jahrhunderts: Aufgrund der Notwendigkeit, am wachsenden Waren- und Geldverkehr teilzunehmen, bildeten sich vor allem in den alpinen ländlichen Regionen sehr kleinräumliche wirtschaftliche Spezialisierungen aus. Die Bewohner eines Tales oder einer Ortschaft verarbeiteten Naturprodukte ihrer Heimat zu Handelsgütern, deren Qualität weitum geschätzt war. Ihre spezifischen Kenntnisse und Fertigkeiten pflegten und tradierten sie. Die Hersteller selbst waren zumeist auch die Händler. Als solche zogen sie umher, um ihre Waren oder Fähigkeiten feilzubieten.

Diese Nischenökonomien wurden jeweils Teil der regionalen Identitäten. Sie markieren eine Besonderheit, die einst in der Welt draußen Wertschätzung erfahren hat. Und sie sind noch heute eine kulturelle Visitenkarte der Landschaft, auch wenn sie im Leben der Menschen keine unmittelbare Bedeutung mehr haben.

Im Salzburger Lungau waren es die Sauschneider, die ein spezielles, hochgeschätztes Gewerbe ausübten. Ausgerüstet mit den notwendigen Utensilien und erkennbar am Adlerflaum, den sie an ihrem Hut trugen, zogen sie von Dorf zu Dorf, um sich mit ihrer Profession anzubieten – der Kastration von Nutztieren, vor allem von Schweinen. Sie stellten sich sonntags vor der Kirche auf, und jedermann, der solcher Dienste bedurfte, erkannte am Adlerflaum, an wen er sich zu wenden hatte. Durch den Eingriff wurde die Fleischqualität verbessert. Außerdem konnte der unangenehme Geruch geschlechtsreifer Tiere unterbunden werden, der sich auch auf das Fleisch übertrug. Das Gewerbe erforderte ein gewisses Maß an Geschick und veterinärmedizinischen Kenntnissen, auf die man sich im Lungau besonders gut verstand.

Erst im Lauf des 20. Jahrhunderts, als sich einerseits Zuchtziele und Mastpraxis änderten und andererseits die tierärztliche Infrastruktur verbesserte, ging die Nachfrage zurück. Die Sauschneider oder zumindest die Utensilien, die sie kennzeichnen, haben sich in die Lungauer Heimatmuseen zurückgezogen. Dort wird „ein altes, ehrsames Gewerbe“, repräsentiert durch einen Hut mit Flaum, ein Desinfektionseisen, Beinfesseln, eine Kluppe zum Abklemmen der Hoden und anderes mehr ausgestellt. Dazu gehört natürlich auch das zentrale Handwerkzeug des Sauschneiders: sein Messer, das er für die Kastration verwendete.

Zitat aus: Peter Wirnsperger/Wernfried Gappmayer: Die Sauschneider. Ein altes, ehrsames Lungauer Gewerbe, Mauterndorf o. J. [1989].

Inv.Nr. 63273/1
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