• 0000055008_1918_Führung TM-Mittelhalle nach Eröffnung.jpg Führung nach der Eröffnung, 1918, © Technisches Museum Wien
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100 Jahre Technisches Museum Wien
6. Mai 1918

100 Jahre Technisches Museum Wien

Vor neun Jahren feierte das Museum mit Bezug auf den Spatenstich für den Museumsneubau am 20. Juni 1909 sein hundertjähriges Gründungsjubiläum mit Ausstellungen, einem großen Fest und einer Publikation. Das von Architekt Hans Schneider geplante Museumsgebäude war bis 1913 fertig und die Einrichtungsarbeiten konnten beginnen.

Im Frühsommer 1914 planten die verantwortlichen Personen voller Enthusiasmus die Eröffnung des neuen Technischen Museums für Industrie und Gewerbe bis Jahresende. Mitten in diese hektischen Planungen platzte wenig später nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand und der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien sowie nach einer Kettenreaktion weiterer Kriegserklärungen zwischen den Bündnispartnern aber der Erste Weltkrieg.

In dieser Situation lenkten zwei Herren die Geschicke des Museums: Wilhelm Exner (1840‒1931), der mit 74 Jahren bei Kriegsausbruch um eine Generation ältere der beiden und anerkannter Initiator des Technischen Museums, sowie der von ihm 1898 aus Nürnberg nach Wien geholte Ludwig Erhard (1863‒1940), den Exner 1912 zum ersten Direktor „seines“ Museums machte. Über die Berücksichtigung der Kriegstechnik im noch unfertigen Museum gerieten die beiden nach 1914 in eine heftige Kontroverse, wie sich überhaupt die ideologischen und politischen Positionen von Exner und Erhard im Laufe dieses Konflikts immer weiter voneinander entfernten. Exner stemmte sich allerdings erfolgreich gegen Erhards Plan, das Museum „unter dem Losungsworte ‚Krieg und Technik‘ in ein Kriegsmuseum zu verwandeln. 

Er sah das im neu errichteten Gebäude im Aufbau befindliche Museum gefährdet und exponierte sich 1915 in der international anerkannten Wiener Medizinischen Wochenschrift ganz offen als verantwortungsvoller Staatsbürger kritisch als Kriegsgegner:
„Der jetzige europäische Krieg, den man unverständigerweise ‚große Zeit‘ nennt, dieser entsetzliche Zusammenstoß der K u l t u r v ö l k e r Europas, hat nicht nur, was ich hier nicht auszuführen brauche, Tausende von Menschenleben, Tausende von hohen Kulturwerten zerstört, sondern, was vielleicht ebenso bedeutungsvoll ist, den Aufstieg der Zivilisation, die Kulturentwicklung der Menschheit verzögert, auf eine Zeitspanne, die wir augenblicklich noch nicht einschätzen können.“ Geprägt von seiner pazifistischen Einstellung warf Exner während des Kriegs sein ganzes Gewicht in die Waagschale, um Erhards Pläne zu verhindern. In der Generalversammlung des Museumsvereines im Juni 1915 führte er angesichts des Drängens nach Berücksichtigung der Kriegstechnik zähneknirschend aus:
„Aber abgesehen von dieser uns durch die Zeitgeschichte aufgenötigten Pflicht [zur Berücksichtigung der Kriegstechnik, H.L.] verlieren wir unsere Hauptaufgabe und die ursprüngliche Mission des Museums nicht aus dem Auge. […] Nach Beendigung des wahnsinnigen Krieges, in dem sich Europa zerfleischt, werden die Früchte der gemeinsamen Geistesarbeit aller Kulturvölker wieder aufleben.“ Exner hielt auch während des Krieges an seiner Überzeugung fest, ein „großes Friedenswerk“ zu schaffen.

Aber seine Hoffnung, nach der Fertigstellung des Gebäudes Ende 1914 das Museum zu eröffnen, musste nach Kriegsbeginn rasch aufgegeben und „zunächst auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben“ werden. Auch ein weiterer „unwiderruflich“ für den 2. Dezember 1916 geplanter Eröffnungstermin erwies sich als unrealistisch. Im November dieses Jahres beschloss daher das Exekutiv-Komitee des Kuratoriums, „mit Rücksicht auf den Ernst der Zeit die Eröffnung des Museums bis auf Weiteres zu verschieben.“

Für eine Eröffnung noch vor Kriegsende fiel schließlich in einer sogenannten „Beamtensitzung“ am 17. November 1917 die Entscheidung, bestätigt durch eine außerordentliche Generalversammlung am 2. Dezember. Exner kam allen eventuellen anderweitigen Überlegungen zuvor und setzte die Eröffnung mit dem ersten Sonntag im Mai 1918 fest. Tatsächlich war es dann Montag, der 6. Mai, als das neue Museum ganz unspektakulär seine Tore für die ersten BesucherInnen öffnete. Auch wenn noch viele Objekte fehlten, wollte er eine alternative Nutzung des Gebäudes nach dem Krieg verhindern und schuf damit Fakten. Seine Taktik ging auf, und das Museum wurde trotz sehr eingeschränkter Öffnungszeiten an den Wochenenden geradezu gestürmt: Bis Jahresende 1918 besuchten rund 80.000 Menschen das neue Museum und bestätigten Exners Strategie eines zukünftigen „Friedensmuseums“ und einer „österreichischen Kulturstätte“. Die Presse berichtete ausführlich und begeistert: „Ein gewaltiges Kulturwerk ist mitten im Lärm des Weltkrieges vollendet worden.“ (Wiener Bilder, 12. Mai 1918, S. 6).

Finanzielle Probleme nach einer Kreditaufnahme bei der Credit-Anstalt während des Krieges bedrohten nach dem verlorenen Krieg die Existenz des Vereins-Museum, bis schließlich die Regierung, die seit Kriegsende das Museum im Wesentlichen finanzierte, nach einem Rechnungshofbericht die Verstaatlichung mit 1. Jänner 1922 beschloss. Erst damit endeten für den Museumsbetrieb die Auswirkungen des Weltkriegs in organisatorischer und ökonomischer Hinsicht, allerdings mit der Auflage einer restriktiven Personalpolitik und der Reduzierung der Öffnungszeiten seit Sommer 1919 auf Samstagnachmittag und Sonntagvormittag.
Erhard blieb in dieser Sache bis an sein Lebensende in Opposition zu Exner und kritisierte in einem posthum erschienenen Aufsatz die seiner Meinung nach „bitteren Folgen der überstürzten Museumseröffnung.“ Sein Vorbild in dieser Hinsicht war das Deutsche Museum in München, das 1925 seinen Neubau eröffnete und 1932 einen großen Bibliotheksneubau fertigstellen konnte.
Rückblickend riskierte Exner mit der Eröffnung im Mai 1918 zwar viel, traf aber wohl die richtige Entscheidung.

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