Der Kriegs-Struwwelpeter

Heinrich Hoffmanns Struwwelpeter ist längst ein Kinderbuchklassiker, als er 1915 in einer neuen Version erscheint. Das Prinzip der pädagogischen Belehrung und die Szenenabfolge werden übernommen; das Thema aber ist der Erste Weltkrieg.

Im „Kriegs-Struwwelpeter“ treten Vertreter feindlicher Nationen in militärischer Adjustierung an die Stelle der unfolgsamen Kinder, die für Bosheit, Verrat und Niedertracht bestraft werden. Der Struwwelpeter selbst wird zum russischen „Bombenpeter“, „John Guck-in-die-Luft“ ist ein britischer Marineoffizier und „Zappel-Beppo“ ein verräterischer Italiener, der sein Strafgericht erfährt, nämlich „Züchtigung für Heuchelei / Und gebrochne Bundestreu‘.“

Neu ist die Idee, den allseits vertrauten Struwwelpeter unter jeweils aktuellen politischen Vorzeichen zu interpretieren, nicht. Bereits anlässlich der Revolution von 1848/49 war in Deutschland „Der politische Struwwelpeter“ erschienen. 1877 folgte ein Militär-Struwwelpeter, in dem soldatischer Ungehorsam satirisch gegeißelt wurde. Der nunmehrige „Kriegs-Struwwelpeter“ ist die unmittelbare Antwort auf eine 1914 erschienene englischsprachige Struwwelpeter-Version mit dem Titel „Swollen-headed William“, die antideutsche Propaganda über Kaiser Wilhelm transportiert. Autor und Illustrator der deutschen Version ist Karl Ewald Olszewski (1884-1965), ein bekannter Maler, der, geboren in Czernowitz, an der Wiener Akademie der Bildenden Künste studiert hat. Sein Kriegs-Struwwelpeter wird zu einem weit verbreiteten Propaganda-Instrument. Nachhaltig vermittelt es den Kindern für ihren weiteren Lebensweg eine klare, national begründete Unterscheidung zwischen Gut und Böse.
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