• FA-122371 © Technisches Museum Wien, Foto: Peter Sedlaczek
Sammlungsbereich
Alltag
Sammlungsgruppe
Umwelttechnik
Ausstellung
Alltag - eine Gebrauchsanweisung
Epoche
1850 - 1899

„Heidelberger Tonnensystem“, Schnittmodell, 1881

Wohin mit den menschlichen Hinterlassenschaften? Die technische Lösung der Entsorgung von Exkrementen erforderte Erfindungsreichtum und langes Experimentieren.

Für die rasant wachsenden Städte des 19. Jahrhunderts war die geregelte Entsorgung der menschlichen Fäkalien eine hygienische Notwendigkeit, die es technisch zu lösen galt. Eine der dabei erprobten Methoden war das sogenannte „Heidelberger Tonnensystem“.

Das seltene historische Schnittmodell, ausgestellt in der Schausammlung des Technischen Museums Wien, zeigt das Prinzip: Mithilfe der Schwerkraft werden die Fäkalien über Abfallrohre in einen Sammelbehälter geleitet. Ist dieser voll, wird er gegen einen leeren ausgetauscht und abtransportiert. Die Fallrohre weisen einen Wasserverschluss (Siphon) auf, sodass sie geruchsfrei mit den Abtrittsitzen und der Tonne verbunden sind.

Das erstmals 1868 in der deutschen Stadt Heidelberg installierte System zeichnete sich vor allem durch seine Wasserersparnis aus. Zudem konnte der Inhalt der Tonnen als wertvoller Dünger weiterverwendet werden. Eine bereits jahrhundertelang geübte Praxis der Fäkalienverwertung. Nicht zuletzt wurden damit auch die Flüsse von sämtlichen Exkrementen freigehalten.

Nachteilig war allerdings der umständliche Abtransport der Tonnen und die Tatsache, dass man damit weder Haushalts- noch Regenabwässer entsorgen konnte. So setzte sich letztlich das von vielen Ingenieuren und Hygienikern favorisierte Einheitssystem der Schwemmkanalisation durch. Dieses verzichtete zwar auf eine Verwertung des Düngers, konnte allerdings mit seinem weit verzweigten Netz an Haus- und Sammelkanälen sämtliche Fäkalien und Abwässer aufnehmen.

Das „Heidelberger Tonnensystem“ markierte als Zwischenetappe ein Übergangssystem, das im Spannungsfeld von technischer Lösungsfindung und ökonomisch motivierter Rohstoffnutzung entstanden war.


Inv.Nr. 33574
Member of