Wiener Pavillon Pissoir, 1908

Bild
 © Technisches Museum Wien, Foto: Peter Sedlaczek
Im Technischen Museum Wien kann man – in dieser Größe weltweit einzigartig – ein öffentliches Pissoir bestaunen (aber nicht benützen!). Es stammt aus dem Jahr 1908 und stand einst auf dem Sachsenplatz in Wien-Brigittenau.

Seit den 1860er-Jahren waren auf stark frequentierten Plätzen und in Parks öffentliche Pissoirs errichtet worden. Dort konnten sich Männer im Fall des Falles hinter Schamwänden erleichtern. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Pissoirs mit einem neuartigen „Öl-System“ nach dem Patent von Wilhelm Beetz ausgestattet. Beetz verwendete als Erster Öl zur Desinfektion. Sein neuartiges „Öl-Urinoir“ bewährte sich ausgezeichnet. Die Anlagen waren relativ geruchlos und brauchten keinen Tropfen Wasser. Die tragenden Wände bestanden aus lackiertem Eisen. Im Gegensatz zu früheren hölzernen oder gemauerten Anlagen ein weiterer hygienischer Vorteil.

Die Gemeinde Wien übertrug die Errichtung von Pissoirs an die Firma Beetz, deren Patent bald weltweit mit großem Erfolg angewandt wurde. Ein Firmenprospekt zeigt die damals angebotenen Modelle an „Bedürfnis-Anstalten aus Eisen für Herren“. Neben den runden oder rechteckigen Varianten fand in Wien vor allem das achteckige Pavillon Pissoir mit fünf mittig angeordneten Pissständen die weiteste Verbreitung. In der zeitgenössischen Fachliteratur wurde dieser Typ als „Wiener Pavillon Pissoir“ bezeichnet.

Bereits zur Jahrhundertwende stieß bei manchen emanzipierten Frauen auf Kritik, dass ausschließlich Männer kostenlos „versorgt“ würden. Sie verlangten die Einführung von Frei-Pissoirs auch für Frauen. Eine Forderung, die sich jedoch nicht durchsetzte. Allerdings wurden immer häufiger kombinierte „Bedürfniss-Anstalten für Damen und Herren“ errichtet. Neben einem Pissoir enthielten sie auch Kabinen mit Toiletten und wurden von einer Wartefrau betreut. Für ihre Benützung war nun eine Gebühr zu bezahlen. Im Jahr 1910 standen in Wien insgesamt 137 Einzelpissoirs und 73 Toiletteanlagen, die von beiden Geschlechtern benutzt werden konnten.



Inv.Nr. 60977

Member of